Die geschlechtsgekoppelte Vererbung (gonosomale Vererbung) beschreibt die Vererbung von Merkmalen, deren Gene auf den Geschlechtschromosomen (Gonosomen) liegen. Der Mensch besitzt 46 Chromosomen, darunter zwei Geschlechtschromosomen: Frauen besitzen zwei X-Chromosomen (XX), Männer ein X- und ein Y-Chromosom (XY). Da das X-Chromosom deutlich größer ist als das Y-Chromosom und wesentlich mehr Gene trägt, hat die X-chromosomale Vererbung eine besondere Bedeutung in der Humangenetik.
Gene, die auf dem X-Chromosom lokalisiert sind, werden X-chromosomal (X-linked) vererbt. Dabei unterscheidet man zwei Erbgänge:
X-chromosomal-rezessive Vererbung. Die Mutter ist Konduktorin (XAXa) und gibt das rezessive Allel mit 50% Wahrscheinlichkeit weiter. Söhne mit dem rezessiven Allel sind betroffen (hemizygot).
Männer besitzen nur ein X-Chromosom. Liegt ein rezessives Allel auf diesem X-Chromosom vor, kann es nicht durch ein zweites, dominantes Allel überdeckt werden. Man spricht von Hemizygotie. Deshalb sind Männer von X-chromosomal-rezessiven Erkrankungen deutlich häufiger betroffen als Frauen.
Beispiel: Etwa 8 % aller Männer sind von Rot-Grün-Blindheit betroffen, aber nur ca. 0,4 % der Frauen (da sie homozygot rezessiv sein müssen).
Frauen, die ein rezessives Allel auf einem ihrer X-Chromosomen tragen und ein dominantes Allel auf dem anderen, sind phänotypisch gesund, können das rezessive Allel aber an ihre Nachkommen weitergeben. Man bezeichnet diese Frauen als Konduktorinnen (Überträgerinnen).
Genotyp einer Konduktorin: XAXa (wobei A = dominant/gesund, a = rezessiv/krank).
Folgen für die Nachkommen:
Beispiel: Konduktorin × gesunder Mann
Mutter (Konduktorin): XAXa Vater (gesund): XAY
Kreuzung:
Beispiel: Konduktorin × betroffener Mann
Mutter (Konduktorin): XAXa Vater (betroffen): XaY
Kreuzung:
1. Rot-Grün-Blindheit (Deuteranopie/Protanopie):
Die Gene für die Rot- und Grün-Zapfen der Netzhaut liegen auf dem X-Chromosom. Bei einer Mutation dieser Gene können die Farben Rot und Grün nicht mehr unterschieden werden. Die Störung ist nicht heilbar, schränkt den Alltag aber meist nur geringfügig ein.
2. Hämophilie (Bluterkrankheit):
Bei der Hämophilie fehlen bestimmte Blutgerinnungsfaktoren. Man unterscheidet:
Betroffene bluten bei Verletzungen länger, und es kann zu spontanen inneren Blutungen (z. B. in Gelenken) kommen. Historisch bekannt ist die Hämophilie in den europäischen Königshäusern, die von Königin Victoria als Konduktorin übertragen wurde.
3. Muskeldystrophie Duchenne:
Eine schwere Muskelerkrankung, bei der das Protein Dystrophin nicht funktionsfähig gebildet wird. Der progressive Muskelschwund beginnt im Kindesalter.
Auf dem Y-Chromosom befinden sich nur wenige Gene. Die Y-chromosomale (holandrische) Vererbung betrifft ausschließlich Männer und wird immer vom Vater an alle Söhne weitergegeben. Töchter können das Merkmal weder erben noch übertragen.
Wichtige Y-chromosomale Gene:
Y-chromosomale Erbgänge sind selten prüfungsrelevant, sollten aber für die Vollständigkeit bekannt sein.
Ein X-chromosomal-rezessiver Erbgang lässt sich in Stammbaumanalysen an folgenden Merkmalen erkennen:
Abiturvorbereitung: Bei Stammbaumanalysen im Abitur solltest du zunächst prüfen, ob ein autosomal oder gonosomal (geschlechtsgekoppelt) vererbtes Merkmal vorliegt. Achte besonders auf die Geschlechterverteilung der Betroffenen und die Vererbung über Kreuz (Mutter → Sohn, Vater → Tochter). Zeichne immer ein Kreuzungsschema mit den Genotypen (z. B. XAXa × XAY) auf, um die Wahrscheinlichkeiten korrekt zu berechnen.