Macbeth ist die titelgebende Hauptfigur und ein klassischer tragic hero im aristotelischen Sinne. Zu Beginn des Stücks wird er als tapferer und loyaler Feldherr eingeführt, der für König Duncan kämpft.
Macbeths tragischer Fehler (hamartia) ist sein übersteigerter Ehrgeiz (“vaulting ambition, which o’erleaps itself”, I.7). Die Prophezeiung der Hexen weckt in ihm eine bereits vorhandene Sehnsucht nach Macht, die er zuvor unterdrückt hat.
Macbeth ist keine eindimensionale Bösewichtfigur. Er durchlebt einen intensiven inneren Konflikt zwischen seinem Ehrgeiz und seinem Gewissen:
Im Verlauf des Stücks durchläuft Macbeth einen moralischen Verfall (moral decline / moral deterioration):
Klausurrelevant: Macbeths Entwicklung lässt sich als Peripetie beschreiben: vom gefeierten Helden zum verhassten Tyrannen. Er erfüllt die Merkmale des tragic hero (hoher Stand, hamartia, Anagnorisis, Katharsis beim Publikum).
Lady Macbeth ist eine der komplexesten weiblichen Figuren in Shakespeares Werk. Sie fungiert als treibende Kraft hinter dem Königsmord und durchläuft eine der dramatischsten Entwicklungen des Stücks.
In ihrem zentralen Monolog (I.5) ruft Lady Macbeth die Geister an, sie zu “entweiblichen”:
“Come, you spirits / That tend on mortal thoughts, unsex me here, / And fill me from the crown to the toe top-full / Of direst cruelty”
Diese Passage ist zentral für die Analyse von Gender-Rollen im Stück: Lady Macbeth assoziiert Weiblichkeit mit Schwäche und Mitgefühl, Männlichkeit mit Entschlossenheit und Härte. Sie manipuliert Macbeth, indem sie seine Männlichkeit infrage stellt: “When you durst do it, then you were a man” (I.7).
Die Schlafwandelszene (V.1) markiert Lady Macbeths vollständigen psychischen Zusammenbruch:
Lady Macbeths Entwicklung verläuft spiegelverkehrt zu Macbeths: Während er immer skrupelloser wird, bricht sie unter der Schuld zusammen. Ihr Tod (vermutlich Suizid) geschieht offstage – Macbeth kommentiert ihn mit dem nihilistischen “She should have died hereafter” (V.5).
Banquo fungiert als Kontrastfigur (foil) zu Macbeth. Beide hören die Prophezeiung der Hexen, doch Banquo reagiert völlig anders.
Banquos Geist erscheint Macbeth beim Bankett (III.4) und fungiert als Symbol für Macbeths Schuld und schlechtes Gewissen. Nur Macbeth kann den Geist sehen – ähnlich wie den Dolch zuvor. Der Geist ist gleichzeitig:
Historischer Kontext: Shakespeare stellte Banquo positiv dar, da er als Vorfahre von James I. galt. In Holinsheds Chronicles war Banquo tatsächlich Macbeths Komplize beim Königsmord.
Macduff ist Macbeths Antagonist und der Rächer, der die natürliche Ordnung wiederherstellt.
Macduffs Entscheidung, nach England zu fliehen, um Malcolm zu unterstützen, hat einen tragischen Preis: Macbeth lässt seine gesamte Familie ermorden (IV.2). Die Nachricht von ihrer Tötung führt zu einer der emotionalsten Szenen des Stücks:
“All my pretty ones? / Did you say all? O hell-kite! All?” (IV.3)
Macduff wird von Malcolm aufgefordert, seinen Schmerz in Wut umzuwandeln: “Dispute it like a man”, worauf Macduff antwortet: “I shall do so; / But I must also feel it as a man” – eine wichtige Stelle für die Masculinity-Thematik, da Macduff Männlichkeit nicht mit Gefühllosigkeit gleichsetzt.
Die Hexenprophezeiung, dass Macbeth von niemandem getötet werden kann, der “of woman born” ist, erweist sich als Equivocation (Doppeldeutigkeit): Macduff wurde per Kaiserschnitt entbunden (“from his mother’s womb / Untimely ripp’d”, V.8). Dies illustriert ein zentrales Thema: Die Hexen lügen nicht – sie formulieren Wahrheiten so, dass sie in die Irre führen.
König Duncan repräsentiert das Ideal des guten, gottgesandten Herrschers (Divine Right of Kings).
Dramaturgische Funktion: Duncan erscheint nur in den ersten beiden Akten, aber sein Tod ist der Katalysator für das gesamte Geschehen. Die Unnatur seines Mordes wird durch pathetic fallacy unterstrichen: In der Mordnacht tobt ein Sturm, Eulen schreien, Pferde fressen sich gegenseitig.
Malcolm, Duncans älterer Sohn, repräsentiert die Wiederherstellung der legitimen Ordnung.
In der Prüfungsszene (IV.3) testet Malcolm Macduffs Loyalität, indem er sich als noch schlechter als Macbeth darstellt. Als Macduff entsetzt reagiert, offenbart Malcolm, dass er gelügt hat – Macduff hat den Test bestanden. Diese Szene zeigt:
Malcolm erfüllt am Ende die strukturelle Funktion der Ordnungswiederherstellung, die für Shakespeares Tragödien typisch ist. Sein Schlusswort verspricht eine neue, gerechte Herrschaft. Der Kreis schließt sich: Ein legitimer, tugendhafter König ersetzt den Tyrannen.
Die drei Hexen (Weird Sisters) sind eine der ikonischsten Figurengruppen in Shakespeares Werk und zentral für das Thema Fate vs. Free Will.
Die Kernfrage lautet: Verursachen die Hexen Macbeths Verbrechen, oder offenbaren sie nur, was bereits in ihm angelegt ist?
Die Hexen sind Meisterinnen der Doppeldeutigkeit (equivocation). Ihre Prophezeiungen sind technisch wahr, aber bewusst irreführend:
Dies verbindet sich mit dem Appearance-vs.-Reality-Thema und dem historischen Kontext der Jesuitischen Equivocation (der Gunpowder Plot).
Dramaturgisch fungieren die Hexen als Katalysatoren: Sie eröffnen und strukturieren das Stück, schaffen die unheimliche Atmosphäre und treiben die Handlung voran, ohne selbst direkt einzugreifen. Ihr Eröffnungssatz “Fair is foul, and foul is fair” (I.1) etabliert die zentrale Paradoxie des gesamten Stücks.
Die Figurenkonstellation in Macbeth ist von Kontrastpaaren und Spiegelungen geprägt:
Die Machtdynamik verschiebt sich im Verlauf des Stücks:
Klausurtipp: In einer Charakterisierung sollte immer die Funktion der Figur im Gesamtwerk und ihre Beziehung zu anderen Figuren herausgearbeitet werden. Belege durch Zitate (mit Akt- und Szenenangabe) sind essenziell.