Oktoberrevolution – Von der Krise des Zarenreichs zum bolschewistischen Staat
Krise des Zarenreichs
Das Russische Kaiserreich befand sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts in einer tiefen Systemkrise. Zar Nikolaus II. (reg. 1894–1917) regierte als Autokrat über ein Vielvölkerreich, das weder eine Verfassung noch ein echtes Parlament besaß. Die wesentlichen Krisenfaktoren waren:
- Agrarfrage: Rund 80 % der Bevölkerung lebten als Bauern unter teilweise feudalen Bedingungen. Die Bauernbefreiung von 1861 hatte die Lage nur unzureichend verbessert – Landknappheit, Ablösezahlungen und die Bindung an die Dorfgemeinde (Mir) verhinderten Modernisierung.
- Industrialisierung auf Kosten der Arbeiter: Die unter Finanzminister Sergej Witte forcierte Industrialisierung schuf ein wachsendes städtisches Proletariat, das unter katastrophalen Arbeitsbedingungen und fehlender sozialer Absicherung litt.
- Nationalitätenfrage: Die Russifizierungspolitik provozierte den Widerstand zahlreicher ethnischer Minderheiten (Polen, Finnen, Balten, Kaukasusvölker).
- Revolution von 1905: Der „Blutsonntag“ (22. Januar 1905) löste eine revolutionäre Welle aus. Im Oktobermanifest musste der Zar die Einrichtung einer Duma und bürgerliche Grundrechte zugestehen, faktisch blieb die Macht aber beim Zaren.
- Erster Weltkrieg: Militärische Niederlagen (Tannenberg, Masurische Seen), Millionen Gefallene und eine katastrophale Versorgungslage radikalisierten die Bevölkerung und beschleunigten den Zusammenbruch.
Februarrevolution 1917
Im Februar/März 1917 führten Brotunruhen und Massenstreiks in Petrograd zum Sturz des Zaren. Soldaten der Garnison verweigerten den Schießbefehl und schlossen sich den Demonstranten an. Am 15. März 1917 dankte Nikolaus II. ab.
Die Februarrevolution war keine geplante Erhebung, sondern eine spontane Massenbewegung, die von der Empörung über Hunger, Krieg und Autoritätsverlust getrieben wurde. Keine politische Partei hatte sie initiiert – sie nahm ihren Ausgang von Textilarbeiterinnen, die am Internationalen Frauentag streikten.
Bedeutung: Die Februarrevolution beendete eine über 300-jährige Romanow-Dynastie und eröffnete die Möglichkeit einer demokratischen Entwicklung Russlands. Ob diese Chance realistisch war, ist in der Geschichtswissenschaft umstritten.
Doppelherrschaft (Dvoevlastie)
Nach dem Sturz des Zaren entstand eine instabile Doppelherrschaft zwischen zwei konkurrierenden Machtzentren:
- Provisorische Regierung: Unter Fürst Lwow und später Alexander Kerenski strebte sie demokratische Reformen, eine verfassunggebende Versammlung und die Fortführung des Krieges an. Sie besaß formale Regierungsgewalt, aber wenig reale Durchsetzungskraft.
- Petrograder Sowjet: Der Arbeiter- und Soldatenrat verfügte durch den berühmten Befehl Nr. 1 über die tatsächliche Kontrolle über das Militär. Er vertrat die Interessen der Arbeiter, Soldaten und Bauern.
Das Grundproblem der Doppelherrschaft: Die Provisorische Regierung konnte weder Frieden schließen noch die Landfrage lösen. Die Fortführung des Krieges und das Ausbleiben von Reformen radikalisierten die Massen und stärkten die Bolschewiki.
Oktoberrevolution 1917
Im April 1917 kehrte Wladimir Iljitsch Lenin aus dem Schweizer Exil zurück (im „plombierten Waggon“ durch Deutschland). Seine Aprilthesen formulierten das bolschewistische Programm:
- Sofortiger Friedensschluss
- „Alle Macht den Sowjets!“
- Verstaatlichung von Grund und Boden
- Arbeiterkontrolle über die Produktion
In der Nacht vom 25. auf den 26. Oktober 1917 (7./8. November neuen Stils) vollzogen die Bolschewiki unter militärischer Leitung von Leo Trotzki den bewaffneten Aufstand. Rotgardisten besetzten strategische Punkte in Petrograd; der Sturm auf das Winterpalais beendete die Provisorische Regierung.
Der II. Allrussische Sowjetkongress billigte die Machtübernahme und verabschiedete:
- Dekret über den Frieden: Aufruf zu Friedensverhandlungen ohne Annexionen
- Dekret über den Grund und Boden: Enteignung des Großgrundbesitzes
- Bildung des Rates der Volkskommissare (Sownarkom) unter Lenin
Historische Einordnung: Die Oktoberrevolution war weniger eine Massenerhebung als ein gezielter Staatsstreich einer disziplinierten Kaderpartei. Ihre Legitimation beruhte auf den Sowjets, die jedoch bald entmachtet wurden.
Bürgerkrieg und Kriegskommunismus (1918–1921)
Die bolschewistische Machtübernahme führte zum Russischen Bürgerkrieg, einem der blutigsten Konflikte des 20. Jahrhunderts:
- Friede von Brest-Litowsk (März 1918): Lenin schloss einen Separatfrieden mit den Mittelmächten. Russland verlor ein Drittel seiner Bevölkerung und seines Ackerlands (Ukraine, Baltikum, Polen, Finnland).
- Rote Armee vs. „Weiße“: Die von Trotzki aufgebaute Rote Armee kämpfte gegen ein heterogenes Bündnis aus Monarchisten, Liberalen, Sozialrevolutionären und nationalen Bewegungen, unterstützt durch ausländische Interventionen (Großbritannien, Frankreich, USA, Japan).
- Kriegskommunismus: Zur Versorgung der Armee wurden radikale Maßnahmen ergriffen – Zwangsrequirierung von Getreide, Verstaatlichung der Industrie, Verbot des Privathandels. Die Folgen waren katastrophal: Hungersnot 1921/22 mit Millionen Toten.
Der Bürgerkrieg endete mit dem Sieg der Bolschewiki, hinterließ aber ein völlig zerrüttetes Land.
Lenins Politik: NEP und Einparteienstaat
Angesichts der wirtschaftlichen Katastrophe und bäuerlicher Aufstände (Kronstadt-Aufstand 1921) vollzog Lenin eine pragmatische Wende:
Neue Ökonomische Politik (NEP, ab 1921):
- Ersetzung der Zwangsrequirierung durch eine Naturalsteuer
- Zulassung von Privathandel und Kleinunternehmen
- Schlüsselindustrien blieben in Staatsbesitz („Kommandohöhen der Wirtschaft“)
- Wirtschaftliche Erholung, aber ideologisch umstrittene neue Schichten: Kulaken (wohlhabendere Bauern) und Nepmänner (Händler)
Politische Kontrolle: Parallel zur wirtschaftlichen Liberalisierung verschärfte Lenin die politische Repression:
- Verbot aller anderen Parteien
- Verbot der Fraktionsbildung innerhalb der Partei (X. Parteitag 1921)
- Aufbau der Geheimpolizei Tscheka unter Dserschinski („Roter Terror“)
- Gründung der UdSSR am 30. Dezember 1922
Abitur-Tipp: In Klausuren wird häufig nach den Ursachen und Verlauf der Russischen Revolution gefragt. Strukturiere deine Antwort chronologisch und unterscheide klar zwischen Februarrevolution (spontan, bürgerlich-demokratisch) und Oktoberrevolution (geplant, bolschewistisch). Bei der Quellenanalyse sowjetischer Propaganda: Identifiziere propagandistische Stilmittel und die Intention des Verfassers. Vergiss nicht, die Rolle des Ersten Weltkriegs als Katalysator zu betonen.