Nach dem Zweiten Weltkrieg stand Europa vor fundamentalen Herausforderungen: wirtschaftlicher Wiederaufbau, politische Neuordnung und die Verhinderung künftiger Kriege. Zwei zentrale Motive trieben die europäische Integration:
Wegweisend war die Europarede Winston Churchills in Zürich (1946), in der er die „Vereinigten Staaten von Europa“ forderte, sowie der Europakongress in Den Haag (1948), der zur Gründung des Europarates (1949) führte.
Am 9. Mai 1950 legte der französische Außenminister Robert Schuman den nach ihm benannten Schuman-Plan vor (entworfen von Jean Monnet): Die Kohle- und Stahlproduktion Frankreichs und Deutschlands sollte einer gemeinsamen Hohen Behörde unterstellt werden.
Die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) wurde am 18. April 1951 von sechs Staaten gegründet:
Bedeutung: Die EGKS vergemeinschaftete die kriegswichtigen Schlüsselindustrien und machte einen erneuten Krieg zwischen den Mitgliedsstaaten praktisch unmöglich. Sie war die erste supranationale Organisation Europas und folgte der Methode der funktionalen Integration (Monnet-Methode): Schrittweise Vertiefung durch sektorale Zusammenarbeit, die Spillover-Effekte in andere Bereiche erzeugt.
Am 25. März 1957 unterzeichneten die sechs EGKS-Staaten in Rom zwei Verträge:
Institutionelles Gefüge: Kommission (supranational), Ministerrat (intergouvernemental), Europäisches Parlament (zunächst nur beratend), Europäischer Gerichtshof.
Die EWG erzielte rasch wirtschaftliche Erfolge: Die Zollunion wurde 1968 vollendet, der Handel zwischen den Mitgliedsstaaten wuchs stark. Die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) sicherte die Lebensmittelversorgung, führte aber zu Überproduktion und hohen Subventionen.
Die europäische Integration verlief in Schüben von Erweiterung (neue Mitglieder) und Vertiefung (mehr Kompetenzen):
Der Vertrag von Maastricht (unterzeichnet 7. Februar 1992, in Kraft 1. November 1993) begründete die Europäische Union (EU) und markierte den qualitativen Sprung von einer Wirtschaftsgemeinschaft zu einer politischen Union:
Drei-Säulen-Modell:
Wirtschafts- und Währungsunion (WWU): Der Vertrag legte den Fahrplan für die Einführung einer gemeinsamen Währung fest. Die Konvergenzkriterien (Maastricht-Kriterien) legten Obergrenzen für Staatsverschuldung (60 % des BIP), Neuverschuldung (3 % des BIP), Inflation und Zinssätze fest.
Weitere Neuerungen: Unionsbürgerschaft, Stärkung des Europäischen Parlaments (Mitentscheidungsverfahren), Subsidiaritätsprinzip.
Einführung des Euro:
Osterweiterung 2004/07: Mit dem Beitritt von zehn Staaten (2004: u.a. Polen, Tschechien, Ungarn, Baltikum) und zwei weiteren (2007: Rumänien, Bulgarien) wurde die Teilung Europas symbolisch überwunden. Die EU wuchs auf 27 Mitglieder (nach dem Brexit 2020).
Schematische Übersicht der wichtigsten Erweiterungswellen von 1957 bis heute:
Die deutsch-französische Zusammenarbeit war und ist der zentrale Motor der europäischen Integration:
Die deutsch-französische Achse bleibt unverzichtbar, auch wenn sie allein nicht mehr ausreicht: Die erweiterte EU erfordert breitere Koalitionen.
Abitur-Tipp: Die europäische Integration ist ein Standardthema im Geschichtsabitur. Achte auf die Unterscheidung zwischen supranationalen (Kommission, EuGH) und intergouvernementalen (Europäischer Rat) Elementen. Bei Quellenanalysen zu Europa-Reden: Prüfe, ob der Verfasser eine föderale oder eine zwischenstaatliche Vision vertritt. Schlüsselbegriffe: Subsidiarität, Spillover, Demokratiedefizit, „Finalitätsdebatte“.