Historizität Jesu
Überblick: Der historische Jesus
Die Frage nach der Historizität Jesu beschäftigt sich damit, was wir über Jesus von Nazaret als historische Person wissen können – unabhängig von den Glaubensaussagen der Evangelien. Dabei unterscheidet die theologische Forschung zwischen dem historischen Jesus (der Mensch, der um ca. 4 v. Chr. geboren wurde und um 30 n. Chr. starb) und dem kerygmatischen Christus (der verkündigte Christus des Glaubens). Diese Unterscheidung geht wesentlich auf Rudolf Bultmann und die historisch-kritische Methode zurück.
Außerbiblische Qüllen
Mehrere antike Qüllen bezeugen die Existenz Jesu unabhängig von den biblischen Texten:
- Flavius Josephus (jüdischer Historiker, ca. 37–100 n. Chr.): Im sogenannten Testimonium Flavianum (Antiquitates Judaicae 18,63f.) erwähnt er Jesus als „weisen Mann“. Teile des Textes gelten als spätere christliche Überarbeitung, der Kern wird aber als historisch angesehen. In einer zweiten Stelle (Ant. 20,200) berichtet Josephus über die Hinrichtung des Jakobus, den er als „Bruder Jesu, des sogenannten Christus“ bezeichnet.
- Tacitus (römischer Historiker, ca. 56–120 n. Chr.): In seinen Annales (15,44) beschreibt er die Christenverfolgung unter Nero und erwähnt, dass „Christus“ unter Pontius Pilatus hingerichtet wurde.
- Plinius der Jüngere (ca. 112 n. Chr.): In einem Brief an Kaiser Trajan beschreibt er christliche Gemeinden, die Christus „wie einem Gott“ Hymnen singen.
- Babylonischer Talmud (Sanhedrin 43a): Erwähnt die Hinrichtung eines „Jeschu“ am Vorabend des Pessachfestes.
Die historisch-kritische Methode
Die historisch-kritische Methode ist das zentrale wissenschaftliche Werkzeug der Bibelwissenschaft. Sie umfasst mehrere Schritte:
- Textkritik: Welcher Wortlaut des Textes ist der ursprüngliche?
- Literarkritik: Gibt es verschiedene Qüllenschichten innerhalb eines Textes?
- Formgeschichte: Welche literarische Gattung liegt vor (Gleichnis, Wundergeschichte, Streitgespräch)?
- Redaktionsgeschichte: Wie hat der jeweilige Evangelist seine Qüllen bearbeitet?
- Traditionsgeschichte: Wie hat sich eine Überlieferung im Laufe der Zeit entwickelt?
Für die Rückfrage nach dem historischen Jesus sind besonders das Differenzkriterium (Jesus-Worte, die weder aus dem Judentum noch aus der frühen Kirche ableitbar sind) und das Kriterium der mehrfachen Bezeugung (unabhängige Qüllen berichten dasselbe) wichtig.
Gesicherte historische Fakten
Folgende Fakten gelten in der historischen Forschung als weitgehend gesichert:
- Jesus wurde um 4 v. Chr. in Nazaret (oder Umgebung) geboren und wuchs in Galiläa auf.
- Er ließ sich von Johannes dem Täufer taufen (Mk 1,9–11).
- Er wirkte als Wanderprediger und Heiler in Galiläa und Judäa.
- Er verkündigte die Nähe des Reiches Gottes (Mk 1,15).
- Er berief einen Kreis von zwölf Jüngern.
- Er wurde unter Pontius Pilatus (Präfektur 26–36 n. Chr.) in Jerusalem gekreuzigt.
Zwei-Qüllen-Theorie
Die Zwei-Qüllen-Theorie ist das wichtigste Modell zur Erklärung der literarischen Beziehungen zwischen den drei synoptischen Evangelien (Matthäus, Markus, Lukas). Sie besagt:
- Das Markusevangelium ist das älteste Evangelium (ca. 70 n. Chr.) und diente Matthäus und Lukas als Qülle.
- Daneben benutzten Matthäus und Lukas eine weitere, heute verlorene Qülle: die sogenannte Logienqülle Q (Spruchqülle), die vor allem Jesüs-Worte enthielt.
- Sondergut: Zusätzlich verfügten Matthäus und Lukas über jeweils eigenes Material.
Die Zwei-Qüllen-Theorie ermöglicht es, ältere Überlieferungsschichten zu identifizieren und so der Verkündigung des historischen Jesus näherzukommen.
Abitur-Tipp: Die Unterscheidung zwischen dem historischen Jesus und dem kerygmatischen Christus ist ein Schlüsselkonzept. Im Abitur wird häufig gefragt, welche außerbiblischen Qüllen die Existenz Jesu belegen und wie die historisch-kritische Methode arbeitet. Präge dir die Namen Josephus, Tacitus und Plinius sowie deren jeweilige Aussagen ein. Die Zwei-Qüllen-Theorie wird oft als Schaubild abgefragt.