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Bergpredigt

Überblick: Die Bergpredigt (Mt 5–7)

Die Bergpredigt (Matthäus 5–7) ist die zentrale ethische Rede Jesu im Matthäusevangelium. Sie wird auf einem Berg gehalten – eine bewusste Parallele zu Mose, der das Gesetz auf dem Sinai empfing. Jesus erscheint hier als der neue Gesetzgeber, der die Tora nicht aufhebt, sondern radikalisiert und verinnerlicht: „Ich bin nicht gekommen, das Gesetz aufzulösen, sondern zu erfüllen“ (Mt 5,17).

Die Seligpreisungen (Mt 5,3–12)

Die Seligpreisungen (Makarismen) bilden den Auftakt der Bergpredigt. Jesus preist Menschen selig, die nach weltlichen Maßstäben als benachteiligt gelten:

  • „Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich.“ (Mt 5,3)
  • „Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden.“ (Mt 5,4)
  • „Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.“ (Mt 5,5)
  • „Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.“ (Mt 5,6)
  • „Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.“ (Mt 5,7)
  • „Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.“ (Mt 5,8)
  • „Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen.“ (Mt 5,9)
  • „Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich.“ (Mt 5,10)

Die Seligpreisungen sind Zuspruch (Gott wendet sich den Leidenden zu) und Anspruch (sie fordern ein Leben in Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Frieden) zugleich.

Die Antithesen (Mt 5,21–48)

In sechs Antithesen stellt Jesus der alttestamentlichen Weisung („Ihr habt gehört, dass gesagt ist…“) seine eigene, radikalisierte Forderung gegenüber („Ich aber sage euch…“):

  1. Vom Töten (Mt 5,21–26): Schon der Zorn auf den Bruder ist verwerflich.
  2. Vom Ehebruch (Mt 5,27–30): Schon die begehrliche Absicht ist Sünde.
  3. Von der Ehescheidung (Mt 5,31–32): Ehescheidung wird grundsätzlich abgelehnt.
  4. Vom Schwören (Mt 5,33–37): Jede Rede soll wahrhaftig sein – kein Schwur nötig.
  5. Von der Vergeltung (Mt 5,38–42): „Wenn dich jemand auf die rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar.“
  6. Von der Feindesliebe (Mt 5,43–48): „Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen.“

Die Antithesen zeigen: Jesus geht es nicht um äußere Regelbeachtung, sondern um die innere Haltung des Herzens. Die Gerechtigkeit der Jünger soll die der Pharisäer übertreffen (Mt 5,20).

Das Gebot der Feindesliebe (Mt 5,43–48)

Die Feindesliebe ist das radikalste Gebot der Bergpredigt. Jesus fordert:

  • Nicht nur den Nächsten, sondern auch den Feind zu lieben.
  • Für die Verfolger zu beten.
  • Begründung: „Damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute“ (Mt 5,45).

Die Feindesliebe ist keine passive Hinnahme von Unrecht, sondern die aktive Entscheidung, den Kreislauf der Gewalt zu durchbrechen.

Das Doppelgebot der Liebe (Mt 22,37–40)

Obwohl nicht Teil der Bergpredigt, fasst das Doppelgebot der Liebe die gesamte Ethik Jesu zusammen: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen … Dies ist das höchste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten“ (Mt 22,37–40).

Das Doppelgebot verbindet:

  • Gottesliebe (Dtn 6,5 – das Sch’ma Israel)
  • Nächstenliebe (Lev 19,18)

Durch die Gleichrangigkeit beider Gebote zeigt Jesus: Wer Gott liebt, muss auch den Menschen lieben – und umgekehrt.

Deutungen der Bergpredigt

In der Theologiegeschichte gibt es verschiedene Deutungsansätze der Bergpredigt:

  • Gesinnungsethik (Martin Luther): Die Bergpredigt richtet sich an die innere Gesinnung des Einzelnen, nicht an politisches Handeln. Im „weltlichen Regiment“ gelten andere Regeln („Zwei-Reiche-Lehre“).
  • Interimsethik (Albert Schweitzer): Die radikalen Forderungen galten nur für die kurze Zeitspanne bis zur erwarteten Wiederkehr Christi.
  • Unmöglichkeitsethik: Die Bergpredigt zeigt dem Menschen seine Sündhaftigkeit und treibt ihn zur Gnade Gottes.
  • Politische Ethik (Dorothee Sölle): Die Bergpredigt hat konkrete politische Relevanz und fordert gewaltfreien Widerstand.

Abitur-Tipp: Im Abitur werden häufig die Seligpreisungen oder eine Antithese zur Analyse vorgelegt. Achte darauf, sowohl den Zuspruch als auch den Anspruch der Bergpredigt herauszuarbeiten. Die verschiedenen Deutungsansätze (Luther, Schweitzer, Sölle) sind beliebte Vergleichsthemen. Das Doppelgebot der Liebe ist die hermeneutische Klammer, mit der die gesamte jesuanische Ethik zusammengefasst werden kann.

Die Bergpredigt, Gemälde von Carl Bloch

Die Bergpredigt (Carl Bloch, 1877)

Carl Blochs Gemälde der Bergpredigt zeigt Jesus bei seiner zentralen Rede über die Seligpreisungen und die Ethik des Gottesreiches.