Bibliothek

Fach wählen

Themen

Christologische Entwürfe

Was ist Christologie?

Christologie ist die theologische Reflexion über die Person und Bedeutung Jesu Christi. Die zentrale Frage lautet: Wer ist Jesus Christus? Dabei gibt es zwei grundlegende Ansätze:

  • Christologie „von oben“ (absteigende Christologie): Ausgangspunkt ist die Gottheit Christi. Gott wird Mensch in Jesus (Inkarnation). Diese Sichtweise prägt das Johannesevangelium („Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort“, Joh 1,1) und die altkirchlichen Konzilien.
  • Christologie „von unten“ (aufsteigende Christologie): Ausgangspunkt ist der Mensch Jesus von Nazaret. Von seinem irdischen Wirken, seinem Tod und seiner Auferstehung her wird nach seiner göttlichen Bedeutung gefragt. Dieser Ansatz ist typisch für die moderne Theologie (z. B. Wolfhart Pannenberg).
Hoheitstitel Jesu im Neuen Testament

Das Neue Testament verwendet verschiedene Hoheitstitel, um die Bedeutung Jesu auszudrücken:

  • Christus/Messias: Der „Gesalbte“ – der von Gott gesandte Erlöser (hebr. Maschiach, griech. Christos).
  • Sohn Gottes: Ausdruck der besonderen Beziehung Jesu zu Gott (Mk 1,11: „Du bist mein lieber Sohn“).
  • Menschensohn: Jesu Selbstbezeichnung, die sowohl Niedrigkeit als auch endzeitliche Herrlichkeit ausdrückt (Dan 7,13f.; Mk 14,62).
  • Kyrios (Herr): Titel, der nach Ostern auf Jesus übertragen wird und ihn auf die Stufe Gottes stellt (Phil 2,11).
  • Logos (Wort): Im Johannesprolog (Joh 1,1–18) wird Jesus als das fleischgewordene Wort Gottes identifiziert.
Altkirchliche Christologie: Konzil von Chalcedon (451)

Das Konzil von Chalcedon (451 n. Chr.) formulierte die klassische christologische Definition: Jesus Christus ist wahrer Gott und wahrer Mensch – in einer Person vereint, unvermischt, unverwandelt, ungetrennt, ungesondert (die vier negativen Bestimmungen). Diese Formel bildet bis heute die Grundlage der kirchlichen Christologie und versucht, zwei Extreme abzuwehren:

  • Arianismus: Jesus ist ein Geschöpf und nicht wesensgleich mit Gott (verurteilt auf dem Konzil von Nicäa 325).
  • Doketismus: Jesus war nur scheinbar Mensch – sein Leiden war nicht real.
  • Monophysitismus: Jesus hat nur eine (göttliche) Natur.
Moderne Christologie

In der modernen Theologie werden unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt:

  • Rudolf Bultmann (1884–1976): Entmythologisierung – die mythologische Sprache des Neuen Testaments muss existential interpretiert werden. Nicht der historische Jesus, sondern das Kerygma (die Verkündigung) ist entscheidend.
  • Wolfhart Pannenberg (1928–2014): Christologie von unten – die Auferstehung ist ein historisches Ereignis, das die Gottessohnschaft Jesu bestätigt.
  • Dorothee Sölle (1929–2003): Befreiungstheologischer Ansatz – Christus als Befreier der Unterdrückten. Jesus ist das Vorbild für gewaltfreien Widerstand und Solidarität.
  • Jürgen Moltmann (*1926): Der gekreuzigte Gott – im Kreuz offenbart sich Gott als der mit den Leidenden solidarische Gott.
Drei Phasen der Frage nach dem historischen Jesus

Die historisch-kritische Christologie entwickelt sich in drei Quests: Die Old Quest beginnt mit Hermann Samuel Reimarus (Vom Zwecke Jesu und seiner Jünger, postum 1778) und endet mit Albert Schweitzers Geschichte der Leben-Jesu-Forschung (1906), die zeigt, wie jede Epoche ihren eigenen Jesus zeichnete. Die No Quest-Phase prägt Bultmann: Der historische Jesus sei kaum greifbar, theologisch zähle nur der Christus des Kerygmas. Die New Quest startet mit Ernst Käsemanns Vortrag Das Problem des historischen Jesus (1953) und führt zur Third Quest ab den 1980er Jahren (E. P. Sanders, John P. Meier, Gerd Theissen), die Jesus konsequent in seinen jüdischen Kontext stellt.

Drei-Ämter-Lehre

Eine reformierte Tradition fasst die Christologie unter dem munus triplex – den drei Ämtern Christi – zusammen, klassisch formuliert von Johannes Calvin in Institutio Christianae Religionis (Buch II, Kap. 15, 1559): Christus ist Prophet (er verkündet Gottes Wort), Priester (er bringt sich selbst als Opfer dar) und König (er regiert seine Gemeinde). Calvin schreibt: „Auf daß uns der Glaube in Christus festen Halt finde, müssen wir folgendes Prinzip festhalten: Das Amt, das ihm vom Vater übertragen ist, besteht aus drei Teilen.“ (Calvin, Institutio, II.15.1) Die Drei-Ämter-Lehre ist bis heute auch in der lutherischen und orthodoxen Christologie präsent.

Karl Barths Christologische Konzentration

Karl Barth hat die christliche Theologie konsequent christologisch zentriert. In Kirchliche Dogmatik IV/1 (1953) formuliert er: „Jesus Christus ist die Offenbarung Gottes – und nichts anderes.“ (Barth, KD IV/1) Damit wird jede natürliche Theologie ausgeschlossen: Es gibt keinen Zugang zu Gott außerhalb der Selbstmitteilung Gottes in Christus. Wolfhart Pannenberg hat dem in Grundzüge der Christologie (1964) widersprochen und mit der Auferstehung als historischem Präjudiz argumentiert: Wenn die Auferstehung wirklich geschah, dann ist Jesus tatsächlich der erwartete Messias – eine objektive Offenbarungstheologie ohne Sprung in den blinden Glauben.

Abitur-Tipp: Die Unterscheidung Christologie von oben (Joh 1: Logos wird Fleisch) und Christologie von unten (vom historischen Jesus her) ist ein Schlüsselthema. Im Abitur wird oft verlangt, beide Ansätze zu vergleichen und ihre jeweiligen Stärken/Schwächen zu diskutieren. Die Hoheitstitel (Christus, Sohn Gottes, Menschensohn, Kyrios) solltest du definieren und biblisch belegen können. Das Chalcedon-Bekenntnis ist die dogmatische Grundformel.