Nachfolge Jesu: Martin Luther King und Dietrich Bonhöffer
Was bedeutet Nachfolge?
Nachfolge (griech. akolouthein) meint im Neuen Testament das Folgen auf dem Weg Jesu. Jesus ruft Menschen in die Nachfolge: „Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach“ (Mk 8,34). Nachfolge bedeutet:
- Das eigene Leben an den Werten Jesu auszurichten (Liebe, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit).
- Bereitschaft zum Leiden und zum Einsatz für andere.
- Konkretes Handeln in der Welt – nicht bloß innere Frömmigkeit.
Dietrich Bonhöffer (1906–1945)
Dietrich Bonhöffer war ein evangelischer Theologe und Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus. Sein Verständnis von Nachfolge:
- „Nachfolge“ (1937): In diesem Hauptwerk unterscheidet Bonhöffer zwischen „billiger Gnade“ (Gnade ohne Nachfolge, ohne Kreuz) und „teurer Gnade“ (Gnade, die in die Nachfolge ruft und das ganze Leben fordert). „Billige Gnade ist der Todfeind unserer Kirche.“
- Verantwortungsethik: Im Widerstand gegen Hitler entwickelte Bonhöffer eine Ethik der Verantwortung. In extremen Situationen kann es nötig sein, Schuld auf sich zu nehmen, um größeres Unrecht zu verhindern („Wer verantwortlich handelt, stellt sein Handeln in die Hand Gottes und lebt von Gnade und Vergebung“).
- Widerstand: Bonhöffer beteiligte sich an der Verschwörung des 20. Juli 1944. Er wurde am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg hingerichtet.
- „Kirche für andere“: In seinen Gefängnisbriefen („Widerstand und Ergebung“) entwirft Bonhöffer die Vision einer Kirche, die nicht für sich selbst existiert, sondern für andere da ist.
Martin Luther King Jr. (1929–1968)
Martin Luther King Jr. war ein baptistischer Pfarrer und Anführer der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Sein Verständnis von Nachfolge:
- Gewaltfreier Widerstand: Inspiriert von Mahatma Gandhi und der Bergpredigt setzte King auf zivilen Ungehorsam und gewaltfreien Protest (Busboykott von Montgomery 1955, Marsch auf Washington 1963).
- Agape-Liebe: King verstand die Feindesliebe als aktive, überwindende Liebe (Agape), die nicht den Feind hasst, sondern das System der Ungerechtigkeit bekämpft. „Dunkelheit kann keine Dunkelheit vertreiben; nur Licht kann das. Hass kann keinen Hass vertreiben; nur Liebe kann das.“
- „I Have a Dream“ (1963): In seiner berühmten Rede entwirft King die Vision einer Gesellschaft, in der Menschen „nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilt werden“.
- Prophetische Tradition: King stellte sich in die Tradition der biblischen Propheten, die soziale Gerechtigkeit forderten (Am 5,24: „Es ströme das Recht wie Wasser“).
- King wurde am 4. April 1968 in Memphis, Tennessee, ermordet.
Vergleich: Bonhöffer und King
Trotz unterschiedlicher Kontexte gibt es Gemeinsamkeiten und Unterschiede:
- Gemeinsamkeiten: Beide verstanden Nachfolge als konkretes Handeln gegen Ungerechtigkeit. Beide zahlten mit ihrem Leben. Beide beriefen sich auf die Bergpredigt und die jesuanische Ethik.
- Unterschiede: King hielt konsequent am Gewaltverzicht fest, Bonhöffer entschied sich im Extremfall für die Beteiligung am Widerstand (einschließlich Gewalt). Für Bonhöffer konnte Verantwortung bedeuten, schuldig zu werden, um größeres Leid zu verhindern.
Abitur-Tipp: Der Vergleich zwischen Bonhöffer und King ist ein klassisches Abiturthema. Präge dir die Schlüsselbegriffe ein: Bonhöffers Unterscheidung von billiger und teurer Gnade, seine Verantwortungsethik und Kings gewaltfreier Widerstand und Agape-Liebe. Diskutiere, ob Bonhöffers Weg in den gewaltsamen Widerstand ein Widerspruch zur Nachfolge ist oder eine verantwortungsethische Konsequenz.