Das christliche Menschenbild gründet in den Schöpfungserzählungen (Gen 1–2). Der Mensch ist Geschöpf – nicht selbst Schöpfer seines Lebens:
Der zentrale Satz des biblischen Menschenbildes: „Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau“ (Gen 1,27). Die Gottebenbildlichkeit (lat. Imago Dei) bedeutet:
Die Erzählung vom Sündenfall beschreibt die Gebrochenheit des Menschen:
Die Menschenwürde gemäß Art. 1 GG („Die Würde des Menschen ist unantastbar“) hat tiefe Wurzeln in der biblischen Tradition:
In der Theologiegeschichte sind drei Deutungen der Gottebenbildlichkeit nebeneinander gewachsen. Die substantielle Deutung (Augustinus, Thomas von Aquin) sieht das Gottesbild in einer geistigen Substanz des Menschen: in Vernunft und freiem Willen. Augustinus schreibt in De Trinitate (Buch XII, ca. 415): „Wir sind nicht das Bild Gottes durch den Leib, sondern durch den vernünftigen Geist, durch den wir Gott erkennen können.“ Die relationale Deutung (Karl Barth, KD III/1, 1945; Emil Brunner) versteht die Imago Dei als Beziehungsfähigkeit: Der Mensch ist Bild Gottes, weil er angeredet werden kann und antworten darf – und weil er als Mann und Frau geschaffen ist (Gen 1,27). Die funktionale Deutung (Claus Westermann, Bernd Janowski) liest Gen 1,28 altorientalisch: Wie ein König im Reich seine Statue (zelem) als Stellvertreterbild aufstellt, so ist der Mensch Gottes Statthalter in der Schöpfung – das Bild ist also kein Wesensmerkmal, sondern ein Auftrag.
Die unverlierbare Gottebenbildlichkeit ist heute das stärkste theologische Argument gegen jede Form der Lebenswertabstufung. Sie schützt das ungeborene Leben (Pränataldiagnostik, Abtreibung), das schwerstbehinderte Leben (Gegenposition zu Peter Singers Präferenzutilitarismus) und das sterbende Leben (Sterbehilfe-Debatte). Die EKD-Denkschrift Im Geist der Liebe mit dem Leben umgehen (2002) betont: Die Würde des Menschen hängt nicht an seinen aktualen Fähigkeiten, sondern an seinem Sein vor Gott. Robert Spaemann (Personen, 1996) liefert die philosophische Parallele: „Personen werden nicht gemacht. Wir alle sind Personen, weil wir Menschen sind.“ (Spaemann, 1996)
Blaise Pascal hat in den Pensées (postum 1670) die christliche Doppelnatur des Menschen klassisch beschrieben: „Der Mensch ist weder Engel noch Tier; und unglücklicherweise will jeder, der den Engel spielen will, das Tier spielen.“ (Pascal, Pensées, Fragment 358) Damit ist die Spannung benannt: Der Mensch ist Geschöpf wie das Tier – sterblich, leiblich, bedürftig – und zugleich Gottes Ebenbild – verantwortlich, ansprechbar, transzendenzfähig. Diese paradoxe Doppelbestimmung unterscheidet die christliche Anthropologie von rein naturalistischen (Materialismus) wie rein idealistischen (Gnosis) Menschenbildern.
Abitur-Tipp: Die Gottebenbildlichkeit (Gen 1,27) ist der Schlüsselbegriff des christlichen Menschenbildes. Präge dir ein, was sie begründet (Würde, Gleichheit, Verantwortung) und wie sie sich zum Sündenfall verhält (verdunkelt, aber nicht verloren). Im Abitur wird oft gefragt, wie sich das christliche Menschenbild von naturalistischen Menschenbildern unterscheidet: Der Mensch ist nicht nur ein biologisches Wesen, sondern hat eine Beziehung zu Gott.