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Geschöpflichkeit und Gottebenbildlichkeit

Der Mensch als Geschöpf

Das christliche Menschenbild gründet in den Schöpfungserzählungen (Gen 1–2). Der Mensch ist Geschöpf – nicht selbst Schöpfer seines Lebens:

  • Abhängigkeit: Der Mensch verdankt sein Leben Gott. Er hat sich nicht selbst geschaffen.
  • Endlichkeit: Als Geschöpf ist der Mensch endlich und sterblich. „Du bist Erde und sollst zu Erde werden“ (Gen 3,19).
  • Leiblichkeit: Gott formt den Menschen aus Erde (Adamah) und haucht ihm den Lebensatem (Neshamah) ein (Gen 2,7). Leib und Seele gehören zusammen.
  • Gemeinschaftsbezogenheit: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei“ (Gen 2,18) – der Mensch ist auf Beziehung angelegt.
Gottebenbildlichkeit (Imago Dei)

Der zentrale Satz des biblischen Menschenbildes: „Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau“ (Gen 1,27). Die Gottebenbildlichkeit (lat. Imago Dei) bedeutet:

  • Würde: Jeder Mensch hat eine unverlierbare Würde, die nicht von Leistung, Gesundheit, Herkunft oder Alter abhängt.
  • Gleichheit: Alle Menschen – Mann und Frau – sind gleichermaßen Ebenbild Gottes.
  • Verantwortung: Als Gottes Ebenbild hat der Mensch den Auftrag, die Schöpfung zu bebauen und bewahren (Gen 2,15) – Herrschaft als Fürsorge, nicht als Ausbeutung.
  • Ansprechbarkeit: Der Mensch ist von Gott angesprochen und kann Gott antworten – er ist ein dialogisches Wesen.
Der Sündenfall (Gen 3)

Die Erzählung vom Sündenfall beschreibt die Gebrochenheit des Menschen:

  • Der Mensch will „sein wie Gott“ (Gen 3,5) – er überschreitet seine geschöpflichen Grenzen.
  • Die Folgen: Scham, Schuld, Entfremdung von Gott, voneinander und von der Natur.
  • Theologische Deutung: Die Gottebenbildlichkeit geht durch die Sünde nicht verloren, aber sie ist verdunkelt und gebrochen. Der Mensch ist „simul iustus et peccator“ (zugleich gerecht und Sünder, Luther).
Menschenwürde: Biblisch und grundgesetzlich

Die Menschenwürde gemäß Art. 1 GG („Die Würde des Menschen ist unantastbar“) hat tiefe Wurzeln in der biblischen Tradition:

  • Die Gottebenbildlichkeit begründet eine unbedingte Würde, die nicht verdient werden muss und nicht aberkannt werden kann.
  • Sie gilt für jeden Menschen – unabhängig von Geschlecht, Herkunft, Behinderung oder Lebensphase.
  • Daraus folgt das Verbot der Instrumentalisierung: Der Mensch darf niemals nur Mittel zum Zweck sein (vgl. Kants kategorischer Imperativ).
Drei klassische Deutungen der Imago Dei

In der Theologiegeschichte sind drei Deutungen der Gottebenbildlichkeit nebeneinander gewachsen. Die substantielle Deutung (Augustinus, Thomas von Aquin) sieht das Gottesbild in einer geistigen Substanz des Menschen: in Vernunft und freiem Willen. Augustinus schreibt in De Trinitate (Buch XII, ca. 415): „Wir sind nicht das Bild Gottes durch den Leib, sondern durch den vernünftigen Geist, durch den wir Gott erkennen können.“ Die relationale Deutung (Karl Barth, KD III/1, 1945; Emil Brunner) versteht die Imago Dei als Beziehungsfähigkeit: Der Mensch ist Bild Gottes, weil er angeredet werden kann und antworten darf – und weil er als Mann und Frau geschaffen ist (Gen 1,27). Die funktionale Deutung (Claus Westermann, Bernd Janowski) liest Gen 1,28 altorientalisch: Wie ein König im Reich seine Statue (zelem) als Stellvertreterbild aufstellt, so ist der Mensch Gottes Statthalter in der Schöpfung – das Bild ist also kein Wesensmerkmal, sondern ein Auftrag.

Bioethische Tragweite der Imago Dei

Die unverlierbare Gottebenbildlichkeit ist heute das stärkste theologische Argument gegen jede Form der Lebenswertabstufung. Sie schützt das ungeborene Leben (Pränataldiagnostik, Abtreibung), das schwerstbehinderte Leben (Gegenposition zu Peter Singers Präferenzutilitarismus) und das sterbende Leben (Sterbehilfe-Debatte). Die EKD-Denkschrift Im Geist der Liebe mit dem Leben umgehen (2002) betont: Die Würde des Menschen hängt nicht an seinen aktualen Fähigkeiten, sondern an seinem Sein vor Gott. Robert Spaemann (Personen, 1996) liefert die philosophische Parallele: „Personen werden nicht gemacht. Wir alle sind Personen, weil wir Menschen sind.“ (Spaemann, 1996)

Anthropologie zwischen Tier und Engel

Blaise Pascal hat in den Pensées (postum 1670) die christliche Doppelnatur des Menschen klassisch beschrieben: „Der Mensch ist weder Engel noch Tier; und unglücklicherweise will jeder, der den Engel spielen will, das Tier spielen.“ (Pascal, Pensées, Fragment 358) Damit ist die Spannung benannt: Der Mensch ist Geschöpf wie das Tier – sterblich, leiblich, bedürftig – und zugleich Gottes Ebenbild – verantwortlich, ansprechbar, transzendenzfähig. Diese paradoxe Doppelbestimmung unterscheidet die christliche Anthropologie von rein naturalistischen (Materialismus) wie rein idealistischen (Gnosis) Menschenbildern.

Abitur-Tipp: Die Gottebenbildlichkeit (Gen 1,27) ist der Schlüsselbegriff des christlichen Menschenbildes. Präge dir ein, was sie begründet (Würde, Gleichheit, Verantwortung) und wie sie sich zum Sündenfall verhält (verdunkelt, aber nicht verloren). Im Abitur wird oft gefragt, wie sich das christliche Menschenbild von naturalistischen Menschenbildern unterscheidet: Der Mensch ist nicht nur ein biologisches Wesen, sondern hat eine Beziehung zu Gott.