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Schöpfungsethik

Der Auftrag: Bebauen und Bewahren

Die biblische Schöpfungsethik gründet in zwei zentralen Texten:

  • Gen 1,28 (Herrschaftsauftrag/Dominium terrae): „Macht euch die Erde untertan.“ – Dieser Text wurde lange als Legitimation für die Ausbeutung der Natur missverstanden. Heute versteht die Theologie ihn als Auftrag zur verantwortlichen Herrschaft (Verwaltung, nicht Ausbeutung).
  • Gen 2,15 (Garten-Auftrag): „Gott nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaue und bewahre.“ – Dieser Text betont die Fürsorge für die Schöpfung.

Beide Texte zusammen ergeben: Der Mensch ist Verwalter (Steward) der Schöpfung, nicht ihr Besitzer. Er hat die Aufgabe, sie zu nutzen (bebauen) und zugleich zu schützen (bewahren).

Die Schöpfung als Gabe

Aus christlicher Sicht ist die Schöpfung:

  • Gabe Gottes: Die Welt ist nicht Produkt des Zufalls, sondern gewollt und gut (Gen 1,31: „Und siehe, es war sehr gut“).
  • Nicht Göttlich: Die Natur ist nicht Gott (das wäre Pantheismus), aber sie ist von Gott geliebt und hat einen Eigenwert.
  • Vergänglich: Die Schöpfung ist auf Vollendung angelegt – „Denn das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden“ (Röm 8,19).
Klimaerwärmung als ethische Herausforderung

Die Klimakrise ist aus theologischer Sicht eine fundamentale ethische Herausforderung:

  • Zerstörung der Schöpfung: Die menschengemachte Erderwärmung bedroht die Lebensräume von Mensch und Tier – das widerspricht dem Auftrag zum Bewahren.
  • Gerechtigkeit: Der Klimawandel trifft die Ärmsten am härtesten (Globaler Süden). Die Propheten fordern: „Es ströme das Recht wie Wasser“ (Am 5,24).
  • Generationengerechtigkeit: Wir sind verantwortlich für die Lebensbedingungen künftiger Generationen.
  • Papst Franziskus („Laudato si’“, 2015): Die Enzyklika betont die Verbindung von ökologischer Krise und sozialer Ungerechtigkeit und fordert eine „ökologische Umkehr“.
Evangelische Positionen

Die evangelische Kirche hat sich wiederholt zur ökologischen Verantwortung geäußert:

  • Konziliarer Prozess (1983ff.): „Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“ als drei untrennbare Anliegen.
  • EKD-Denkschrift „Umkehr zum Leben“ (2009): Nachhaltigkeit als christliche Pflicht.
  • Suffizienz statt Wachstum: Die Erkenntnis, dass grenzenloser Konsum dem Schöpfungsauftrag widerspricht.
Schöpfungsglaube und Naturwissenschaft

Die christliche Schöpfungstheologie steht nicht im Widerspruch zur Evolutionsbiologie. Schon Friedrich Schleiermacher hat in der Glaubenslehre (1821/22) den Schöpfungsbegriff als Ausdruck der schlechthinnigen Abhängigkeit verstanden, nicht als Aussage über den Weltentstehungsprozess: „Sich seiner selbst als schlechthin abhängig bewusst sein und sich seiner selbst als in Beziehung mit Gott bewusst sein, ist eines und dasselbe.“ (Schleiermacher, Der christliche Glaube, 1821) Die sieben Tage von Gen 1 sind theologische Strukturen, kein naturkundliches Protokoll. Damit ist der christliche Schöpfungsglaube kompatibel mit Evolution und Urknall: Gott ist nicht eine Ursache neben anderen, sondern der Grund, dass überhaupt etwas ist.

Albert Schweitzers Ehrfurcht vor dem Leben

Der elsaessische Theologe und Arzt Albert Schweitzer (1875–1965) entwickelte in Kultur und Ethik (1923) die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben. Sein Grundsatz: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ (Schweitzer, 1923) Daraus folgt: Gut ist, Leben erhalten und fördern, böse ist, Leben zerstören oder hemmen. Schweitzers Ethik war eine frühe, biozentrische Erweiterung der christlichen Schöpfungsethik und hat die heutige Ökobewegung tief geprägt.

Anthropozentrik – Biozentrik – Physiozentrik

In der Umweltethik unterscheidet man drei Grundpositionen: Anthropozentrik (nur Menschen sind moralische Subjekte; Natur hat instrumentellen Wert – Kant), Pathozentrik (alle leidensfähigen Wesen zählen – Singer, Bentham), Biozentrik (alles Lebendige – Schweitzer, Taylor) und Physiozentrik / Holismus (das ganze Ökosystem – Aldo Leopold). Die christliche Schöpfungsethik ist nicht eindeutig einer Position zuzuordnen: Sie betont die Sonderstellung des Menschen (Imago Dei), schreibt aber zugleich der gesamten Schöpfung einen Eigenwert zu, weil Gott sie „gut“ nennt. So entsteht eine relative Anthropozentrik mit biozentrischer Verantwortung.

Abitur-Tipp: Im Abitur wird oft Gen 1,28 und Gen 2,15 gegenübergestellt. Präge dir ein: Der Herrschaftsauftrag meint nicht Ausbeutung, sondern verantwortliche Verwaltung. Beziehe aktülle Themen wie den Klimawandel ein und zeige, wie sich aus dem Schöpfungsauftrag konkrete ethische Forderungen ableiten lassen (Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit, Konsumverzicht). Die Enzyklika „Laudato si’“ ist ein guter ökumenischer Bezugspunkt.