Die Gleichnisse (griech. parabolai, hebr. meschalim) sind die charakteristischste Redeform Jesu. Mehr als 40 Gleichnisse sind in den synoptischen Evangelien überliefert. Sie alle kreisen um das eine Thema: das anbrechende Reich Gottes. Markus 4,11 nennt sie „Geheimnisse des Reiches Gottes“. Der Marburger Exeget Joachim Jeremias (1900–1979) zeigte in seinem klassischen Werk Die Gleichnisse Jesu (1947), dass jedes Gleichnis eine konkrete Situation Jesu spiegelt – meist die Auseinandersetzung mit Pharisäern oder die Verteidigung seiner Tischgemeinschaft mit Sündern.
Gleichnisse arbeiten mit Alltagsbildern: ein Sämann (Mk 4,3–9), ein Senfkorn (Mk 4,30–32), Sauerteig (Mt 13,33), ein verlorenes Schaf (Lk 15,4–7). Diese Bilder sollen den Hörer in eine Entscheidung hineinziehen. Der amerikanische Exeget John Dominic Crossan nennt das die „subversive“ Wirkung der Gleichnisse: Sie kehren die gewohnte Ordnung um.
Klassisch unterscheidet man nach Adolf Jülicher (1857–1938) drei Formen:
1. Bildwort: kurze Metaphern (z.B. „Salz der Erde“, Mt 5,13).
2. Gleichnis im engeren Sinn: ausgeführte Bilder aus dem Alltag (Senfkorn, Sauerteig).
3. Parabel/Beispielerzählung: ausgemalte Geschichten mit erzählerischer Pointe (Barmherziger Samariter Lk 10,25–37; Verlorener Sohn Lk 15,11–32).
Das Gleichnis vom Verlorenen Sohn (Lk 15,11–32) gilt als „Evangelium im Evangelium“. Es zeigt einen Vater, der seinem reuigen Sohn entgegenläuft – ein Bild für die bedingungslose Vergebungsbereitschaft Gottes. Joachim Jeremias datiert das Gleichnis auf das Jahr 28 n. Chr. und sieht darin Jesu Antwort auf den Vorwurf der Pharisäer, er esse mit Sündern.
Auch die Wunder Jesu sind keine Schau-Effekte, sondern Zeichen (griech. semeia bei Johannes; dynameis = Krafttaten bei den Synoptikern) des anbrechenden Reiches. Man unterscheidet vier Typen: Heilungen (Blindenheilungen, Aussatz), Exorzismen (Austreibung von Dämonen), Naturwunder (Sturmstillung Mk 4,35–41, Brotvermehrung Mk 6,30–44) und Totenerweckungen (Lazarus Joh 11). Lk 11,20: „Wenn ich mit dem Finger Gottes die Dämonen austreibe, dann ist doch das Reich Gottes schon zu euch gekommen.“
Der Heidelberger Neutestamentler Gerd Theissen (geb. 1943) hat in Urchristliche Wundergeschichten (1974) die soziologische Funktion herausgearbeitet: Wunder bringen Heil in eine kranke, marginalisierte Welt – sie sind Zeichen der bedingungslosen Zuwendung Gottes zu den Schwachen.
Rudolf Bultmann (1884–1976) forderte in seinem Programm Neues Testament und Mythologie (1941) die Entmythologisierung: Die Wunder seien antike Bildersprache, die der moderne Mensch nicht mehr wörtlich nehmen könne. Entscheidend sei der existentiale Sinn: Gott begegnet im Wort, das den Menschen zur Entscheidung ruft.
Die katholische Theologie geht hier andere Wege. Joseph Ratzinger / Benedikt XVI. (1927–2022) betont in Jesus von Nazareth (Bd. 1, 2007), dass die Wunder real geschehen sind, aber als Zeichen gedeutet werden müssen. Er nennt sie „sichtbare Zeichen der unsichtbaren Gegenwart Gottes“. Karl Rahner spricht vom Wunder als „Anruf der Gnade“.
Fehler 1: Gleichnisse allegorisch deuten (jedes Detail bedeutet etwas). Jülicher und Jeremias zeigten: Es geht meist um einen Vergleichspunkt, das tertium comparationis.
Fehler 2: Wunder als Beweise für die Göttlichkeit Jesu missverstehen. Im NT sind sie Zeichen des Reiches, keine Beweisstücke. Jesus selbst weigert sich, „Zeichen“ auf Verlangen zu wirken (Mk 8,11f).
Fehler 3: Bultmann mit Wunderkritik gleichsetzen. Bultmann wollte den Kerngehalt retten, nicht zerstören.
Zusammenfassung:
• Gleichnisse: parabolai, über 40 im NT, Zentrum: Reich Gottes
• Jülichers Dreiteilung: Bildwort, Gleichnis, Parabel
• Wunder = semeia/dynameis: Heilungen, Exorzismen, Natur, Totenerweckungen
• Lk 11,20: Wunder als Zeichen der Gottesherrschaft
• Bultmann (1941): Entmythologisierung – Gegenposition Ratzinger 2007
• Theologen: Jülicher, Jeremias, Theissen, Bultmann, Rahner, Ratzinger
Abitur-Tipp: Lerne ein Gleichnis (Verlorener Sohn Lk 15) und ein Wunder (Sturmstillung Mk 4,35–41) so genau, dass du Verse zitieren kannst. Wenn du Bultmanns Entmythologisierung mit Ratzingers Jesus von Nazareth kontrastierst, zeigst du theologische Tiefe. Die Begriffe parabolai, semeia und tertium comparationis sind Pluspunkte.