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Wandel: Gegenständlich zu Ungegenständlich

Wassily Kandinsky, Komposition VII, 1913

Wassily Kandinsky – Komposition VII (1913)

Kandinskys „Komposition VII“ gilt als Meilenstein auf dem Weg zur völligen Abstraktion. Formen und Farben lösen sich vom Gegenstand und entfalten eine Eigendynamik aus Rhythmus, Bewegung und innerem Klang.

Der Weg zur Abstraktion

Einer der zentralen Entwicklungsstroeme der Kunst des 20. Jahrhunderts ist der Wandel von der gegenständlichen (abbildenden, mimetischen) Darstellung hin zur ungegenständlichen (abstrakten, nicht-abbildenden) Kunst. Dieser Wandel vollzog sich nicht abrupt, sondern in gradüllen Schritten, bei denen die Eigendynamik von Form und Farbe zunehmend in den Vordergrund trat.

Zentrale Stationen:

  • Impressionismus (ab 1870er): Auflockerung der Form durch Licht und Farbe, Momentaufnahmen – die sichtbare Wirklichkeit wird in Farbflecke aufgelöst.
  • Postimpressionismus (ab 1880er): Cézanne reduziert die Natur auf geometrische Grundformen (Kugel, Kegel, Zylinder); van Gogh betont den expressiven Pinselduktus.
  • Fauvismus (ab 1905): Befreiung der Farbe vom Gegenstand – Matisse und andere verwenden Farbe autonom und expressiv.
  • Kubismus (ab 1907): Picasso und Braque zergliedern den Gegenstand in geometrische Facetten; Simultanperspektive.
  • Abstraktion (ab 1910): Kandinsky, Malewitsch, Mondrian lösen sich vollständig vom Gegenstand.
Eigendynamik von Form und Farbe

Mit dem Wandel zur Abstraktion gewinnen die formalen Gestaltungsmittel eine Eigenständigkeit, die über die blosse Abbildfunktion hinausgeht:

  • Farbe als autonomes Ausdrucksmittel: Farbe drückt Emotionen, Rhythmen und räumliche Beziehungen aus, ohne an einen Gegenstand gebunden zu sein. Kandinskys Theorie des „Inneren Klangs“ der Farben ist hier zentral.
  • Form als Struktur: Geometrische und organische Formen bilden eigene Kompositionen, die nicht mehr auf Naturvorbilder zurückgehen.
  • Linie und Flaeche: Die Linie wird vom Umriss zum eigenständigen Gestaltungselement; Flaechen treten in Spannung zueinander.
  • Komposition: Die Anordnung der Bildelemente folgt nicht mehr einer Abbildlogik, sondern inneren Gesetzen von Gleichgewicht, Rhythmus und Kontrast.
Skizze und Fragment

Im Zuge der Moderne werden Skizze und Fragment zu eigenständigen künstlerischen Formen aufgewertet:

  • Skizze: Was zuvor als Vorstufe galt, wird nun als authentischer Ausdruck des künstlerischen Prozesses geschätzt. Die Skizze zeigt den Entstehungsprozess, die suchende Hand, das Unfertige als Qualität. Sie betont die Spontaneität und die Unmittelbarkeit des künstlerischen Aktes.
  • Fragment: Das absichtlich Unvollständige, Ausschnitthafte wird zum Ausdruck einer Welterfahrung, in der es keine geschlossenen Ganzheiten mehr gibt. Das Fragment verweist auf das Nichtdarstellbare, das über das Bild hinausgeht.

Beide Formen stehen im Kontext einer Brechung der akademischen Tradition, die das „fertige“, polierte Werk als Ideal anstrebte.

Bilderschließung: Abstrakte Werke analysieren

Die Analyse eines ungegenständlichen Werkes erfordert eine angepasste Methodik:

  1. Erster Eindruck: Welche Wirkung erzeugt das Bild? (Dynamik/Ruhe, Harmonie/Spannung, Wärme/Kälte)
  2. Formale Analyse: Formen (geometrisch/organisch), Linien (Richtung, Qualität), Flaechen, Farbverhältnisse, Komposition (Schwerpunkte, Achsen, Rhythmus).
  3. Farbanalyse: Farbkontraste (Komplementaer-, Warm-Kalt-, Hell-Dunkel-Kontrast), Farbwirkung, Farbsymbolik.
  4. Werkprozess: Maltechnik, Duktus, Materialität, Schichtungen.
  5. Deutung: Künstlerische Intention, kunsthistorischer Kontext, Bezug zu Theorien der Abstraktion.

Abitur-Tipp: Bei der Analyse abstrakter Kunst ist es wichtig, nicht nach einem „Gegenstand“ zu suchen. Konzentriere dich stattdessen auf die Wirkung der formalen Mittel: Wie erzeugen Formen, Farben und Komposition eine bestimmte Bildwirkung? Nutze Fachbegriffe wie Bildspannung, Rhythmisierung, Flaechenkomposition, Farbklang.