Gestaltungsmittel der Malerei
Überblick: Gestaltungsmittel
Die Gestaltungsmittel (auch: formale Mittel, bildnerische Mittel) sind die „Werkzeuge“, mit denen Künstler ein Bild aufbauen. Ihre Analyse ist der Kern jeder Bilderschließung im Kunstunterricht und im Abitur. Man unterscheidet:
- Komposition (Bildaufbau)
- Farbe (Farbgebung, Kolorit)
- Linie und Form
- Duktus (Pinselschrift)
- Raum und Perspektive
- Licht und Schatten
- Textur und Materialität
Komposition
Die Komposition beschreibt die Anordnung aller Bildelemente auf der Bildflaeche:
- Bildformat: Hochformat (betont Vertikale, Erhabenheit), Querformat (betont Horizontale, Weite), Quadrat (Ausgeglichenheit), Tondo (rund, geschlossene Form).
- Kompositionslinien: Diagonalen (Dynamik), Horizontale (Ruhe), Vertikale (Stabilität), Dreieckskomposition (Geschlossenheit), offene Komposition (Weitung).
- Bildachsen und Schwerpunkte: Symmetrisch/asymmetrisch, zentralisiert/dezentralisiert, Goldener Schnitt.
- Blickführung: Wie wird das Auge des Betrachters durch das Bild geleitet? Durch Linien, Kontraste, Figurenblicke.
- Figur-Grund-Verhältnis: Verhältnis zwischen Haupt- und Nebenmotiven, Vordergrund/Hintergrund.
Farbe und Kolorit
Die Farbanalyse umfasst mehrere Aspekte:
- Farbton (Lokalfarbe, Erscheinungsfarbe, Ausdrucksfarbe, Symbolfarbe): Welche Farben dominieren?
- Farbkontraste nach Johannes Itten: Komplementaerkontrast, Warm-Kalt-Kontrast, Hell-Dunkel-Kontrast, Qualitätskontrast (rein/trueb), Quantitätskontrast (Flaechenverhältnis), Simultankontrast, Farbe-an-sich-Kontrast.
- Farbperspektive: Warme Farben draengen nach vorne, kuehle nach hinten – Erzeugung räumlicher Tiefe durch Farbe.
- Kolorit: Gesamtfarbeindruck – warm/kalt, gebrochen/rein, harmonisch/kontrastreich.
Linie, Form und Duktus
Linie: Konturlinie, Schraffur, freie Linie – hart/weich, fliessend/gebrochen, dynamisch/statisch. Die Linie kann abgrenzend (Umriss) oder eigenständiges Ausdrucksmittel sein.
Form: Geometrisch (klar, rational) vs. organisch (natürlich, fliessend). Offene Formen (Auflösung der Kontur) vs. geschlossene Formen (klare Begrenzung).
Duktus (Pinselschrift, Malweise): Der sichtbare Gestus des Künstlers. Lasierend (transparent, duenne Schichten) vs. pastos (dicker, reliefartiger Farbauftrag). Glatt/unsichtbar (altmeisterlich) vs. expressiv/sichtbar (gestisch). Der Duktus verraet die künstlerische Haltung: kontrolliert vs. spontan, distanziert vs. emotional.
Licht, Schatten und Raum
Licht und Schatten: Gerichtetes Licht (Schlaglicht, Rembrandt-Licht) vs. diffuses Licht. Clair-obscur (Hell-Dunkel-Malerei). Lichtqülle innerhalb oder ausserhalb des Bildes. Licht als Stimmungsträger.
Raum und Perspektive:
- Zentralperspektive: Ein Fluchtpunkt, erzeugt räumliche Tiefe und Ordnung.
- Übereckperspektive (Zweipunktperspektive): Zwei Fluchtpunkte, dynamischere Raumwirkung.
- Bedeutungsperspektive: Größe nach Wichtigkeit, nicht nach räumlicher Position.
- Farbperspektive / Luftperspektive: Ferne Gegenstände erscheinen blasser und blaeulicher.
- Aufhebung des Raums: Flaeche statt Tiefe – ein Kennzeichen der Moderne.
Abitur-Tipp: Eine strukturierte Bildanalyse ist entscheidend. Gehe immer systematisch vor: 1. Bildbeschreibung (Was sehe ich?), 2. Formale Analyse (Wie ist es gestaltet?), 3. Interpretation (Was bedeutet es?). Verwende in der formalen Analyse konsequent die Fachbegriffe der Gestaltungsmittel. Begründe jede Beobachtung mit ihrer Wirkung auf den Betrachter.