Bibliothek

Paul Gauguin

Paul Gauguin, Woher kommen wir? Was sind wir? Wohin gehen wir?, 1897

Paul Gauguin – Woher kommen wir? (1897)

Gauguins monumentales Spätwerk auf Tahiti vereint Synthetismus, symbolische Farbgebung und mystische Bildsprache. Das Gemälde stellt die existenziellen Grundfragen des Menschseins – ein Schlüsselwerk des Postimpressionismus.

Biografie und künstlerischer Werdegang

Paul Gauguin (1848–1903) ist einer der einflussreichsten Künstler der Moderne. Sein Weg führte vom Impressionismus über den Synthetismus zu einer völlig eigenständigen, von aussereuropaeischen Kulturen inspirierten Bildsprache.

Zentrale Lebensstationen:

  • Fruehwerk: Gauguin begann als Sonntagsmaler unter dem Einfluss des Impressionismus (Pissarro). Er gab 1883 seinen Beruf als Boersenmakler auf, um sich ganz der Kunst zu widmen.
  • Pont-Aven (1886/88): In der Bretagne entwickelte Gauguin zusammen mit Émile Bernard den Synthetismus (auch Cloisonismus): flache Farbflaechen, dunkle Konturen, Verzicht auf plastische Modellierung.
  • Erste Tahiti-Reise (1891–93): Gauguin suchte in der Suedsee ein „urspruengliches Paradies“. Die Konfrontation mit der tahitianischen Kultur und Natur führte zu einer radikalen Vereinfachung der Formen und einer leuchtenden, unnatürlichen Farbgebung.
  • Zweite Tahiti-Reise und Marquesas (1895–1903): Spätwerk mit zunehmend symbolischer und mystischer Bildsprache.
Stilmerkmale

Gauguins Bildgestaltung bricht auf mehreren Ebenen mit europaeischen Konventionen:

  • Flaechigkeit: Aufgabe der perspektivischen Raumillusion zugunsten dekorativer Flaechengestaltung. Figuren und Hintergrund liegen auf einer Ebene.
  • Cloisonnismus: Klare, dunkle Konturlinien umschließen Farbflaechen – abgeleitet von der mittelalterlichen Emaillekunst und japanischen Holzschnitten.
  • Symbolische Farbe: Farben sind nicht naturalistisch, sondern drücken Stimmungen, spiritülle Gehalte und emotionale Qualitäten aus. Beruehmtes Beispiel: der rote Boden in „Die Vision nach der Predigt“ (1888).
  • Synthetismus: Zusammenführung (Synthese) von äußerer Erscheinung, innerem Empfinden und dekorativer Gestaltung. Das Bild soll nicht die Natur abbilden, sondern eine eigenständige Realität schaffen.
  • Exotismus und Primitivismus: Einbeziehung aussereuropaeischer Bildtraditionen, Motive und Formensprache.
Werkanalyse: „Woher kommen wir? Was sind wir? Wohin gehen wir?“ (1897/98)

Dieses monumentale Werk (139 × 375 cm) ist Gauguins künstlerisches Vermächtnis:

  • Komposition: Friesartige Anordnung, Leserichtung von rechts nach links (entgegen der europaeischen Konvention). Drei Figurengruppen repräsentieren die drei Lebensalter.
  • Farbe: Warme Erdtoene, tiefe Blau- und Grüntoene, leuchtende Akzente. Das Kolorit erzeugt eine träumeische, mystische Atmosphaere.
  • Symbolik: Die Götterfigur im Hintergrund, das schlafende Kind, die nachdenkliche Mittelfigur, der alte Mensch – existenzielle Fragen werden bildlich umgesetzt.
  • Brechung: Keine Zentralperspektive, keine naturalistische Farbgebung, keine akademische Komposition. Das Werk vereint westliche und ozeanische Bildtraditionen.

Abitur-Tipp: Gauguin ist ein idealer Bezugspunkt für das Thema „Brechung von Konventionen“. Erkläre präzise, welche Konventionen er bricht (naturalistische Farbgebung, perspektivischer Raum, akademische Komposition) und wodurch er sie ersetzt (dekorative Flaechigkeit, symbolische Farbe, Synthese verschiedener Kulturtraditionen). Berücksichtige auch die postkoloniale Kritik an Gauguins Exotismus.