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Architektur der Postmoderne

Sony Building (ehem. AT&T Building), Philip Johnson, New York 1984

Sony Building – Philip Johnson (New York, 1984)

Das ehemalige AT&T Building (heute Sony Building) von Philip Johnson gilt als Ikone der postmodernen Architektur. Der gebrochene Giebel zitiert ironisch historische Formen und bricht bewusst mit dem Funktionalismus der Moderne.

Was ist Postmoderne Architektur?

Die Postmoderne Architektur (ca. 1960er–1990er) ist eine Gegenbewegung zum Funktionalismus der Modernen Architektur. Sie kritisiert die Monotonie, Anonymität und fehlende Menschlichkeit der modernistischen Massenbauten.

Kernkritik an der Moderne:

  • Die Moderne habe zu gleichfoermigen, gesichtslosen Bauten geführt („Betonschachteln“).
  • Der Funktionalismus ignoriere die emotionalen, symbolischen und historischen Beduerfnisse der Menschen.
  • Robert Venturi formulierte 1966: „Less is a bore“ (Weniger ist langweilig) – als Antwort auf Mies van der Rohes „Less is more“.
  • Charles Jencks datierte den „Tod der Moderne“ symbolisch auf den 15. Juli 1972, als die Sozialwohnungen von Pruitt-Igoe in St. Louis gesprengt wurden.
Merkmale der Postmodernen Architektur

Die Postmoderne setzt auf Vielfalt statt Einheit:

  • Historische Zitate: Saeulen, Giebel, Bogen und andere historische Formen werden zitiert – aber oft verfremdet, ironisiert oder übertrieben.
  • Eklektizismus: Verschiedene Stile werden frei kombiniert. Antike, Barock, Art Déco und Pop Art können in einem Gebaeude nebeneinander stehen.
  • Ironie und Humor: Spielerischer Umgang mit Architekturgeschichte. Formen werden bewusst „falsch“ eingesetzt.
  • Farbe und Ornament: Rückkehr von Farbe, Dekoration und Ornament an der Fassade – im Gegensatz zur weissen/grauen Moderne.
  • Kontextbezug: Einbeziehung der Umgebung, der lokalen Bautraditionen, der Nutzerwünsche.
  • Symbolik und Narration: Gebaeude erzählen Geschichten, tragen Bedeutungen, kommunizieren mit dem Betrachter.
Zentrale Architekten und Werke

Robert Venturi (1925–2018):

  • „Complexity and Contradiction in Architecture“ (1966): Manifest der Postmoderne. Fordert Mehrdeutigkeit, Widerspruch und Komplexität statt modernistischer Einfachheit.
  • Vanna Venturi House (1964): „Das kleinste und bedeutendste Haus des 20. Jahrhunderts“. Übergroßer Giebel, versetzte Symmetrie, ironisches Spiel mit Hausform.

Charles Moore (1925–1993):

  • Piazza d'Italia, New Orleans (1978): Bunte, übertriebene Zitate römischer Architektur (Saeulen, Bogen, Neonlicht, Wasser) – Architektur als Bühne.

James Stirling (1926–1992):

  • Neue Staatsgalerie Stuttgart (1984): Kombination aus klassizistischen Formen und High-Tech-Elementen. Bunte Stahlträger, Natursteinwände, offene Rotunde.
Dekonstruktivismus

Der Dekonstruktivismus (ab 1980er) wird manchmal als Spielart der Postmoderne, manchmal als eigenständige Stroemung betrachtet:

  • Prinzip: Auflösung klarer Formen, Schraeegen, Brueche, Fragmentierung, Desorientierung.
  • Frank Gehry: Guggenheim Museum Bilbao (1997) – organisch-skulpturale Titanium-Fassade, computergenerierte Formen.
  • Zaha Hadid: Fliessende, dynamische Formen, aufgelöste Geometrien.
  • Daniel Libeskind: Juedisches Museum Berlin (2001) – Zickzack-Grundriss, Voids (Leeräume), schraeege Wände als Ausdruck von Zerrissenheit und Verlust.

Abitur-Tipp: Im Vergleich Moderne – Postmoderne solltest du klar gegenüberstellen: Moderne = Reduktion, Funktion, Ornamentlosigkeit, Universalität; Postmoderne = Zitat, Ironie, Ornament, Kontextbezug, Vielfalt. Wisse, dass die Postmoderne die Moderne nicht einfach ablehnt, sondern deren Absolutheitsanspruch kritisiert. Bei der Analyse achte auf: Welche historischen Formen werden zitiert? Werden sie ernst oder ironisch verwendet? Wie verhält sich der Bau zu seiner Umgebung?