Baukonstruktion und Funktion
Die drei Funktionen der Architektur
Seit Vitruv (1. Jh. v. Chr.) werden drei grundlegende Funktionen der Architektur unterschieden (firmitas, utilitas, venustas):
- Praktische Funktion (utilitas): Nutzbarkeit, Zweckmäßigkeit. Wie gut erfüllt das Gebaeude seinen Zweck? Raumgröße, Raumabfolge, Belichtung, Belueftung, Erschließung, Barrierefreiheit.
- Ästhetische Funktion (venustas): Schönheit, Gestaltqualität. Wie wirkt das Gebaeude auf den Betrachter? Proportionen, Materialien, Oberflächen, Licht, Farbe, Raumstimmung.
- Symbolische Funktion: Bedeutung, Repräsentation. Was drückt das Gebaeude aus? Macht, Würde, Offenheit, Transparenz, Gemeinschaft, Fortschritt, Tradition.
Diese drei Funktionen stehen in wechselseitiger Beziehung: Ein gelungenes Bauwerk vereint alle drei.
Baukonstruktion und Tragwerk
Die Baukonstruktion bestimmt die Möglichkeiten der Gestaltung:
- Massivbau: Wände sind tragend (Mauerwerk, Beton). Eingeschraenkte Raumflexibilität, aber hohe Stabilität.
- Skelettbau: Stützen und Träger bilden das Tragwerk; Wände sind nichtragend (Vorhangfassade). Ermöglicht freien Grundriss und freie Fassade (Le Corbusier).
- Schalenbau: Duenne, gekruemmte Flaechen tragen die Lasten (z. B. Kuppeln, Gewoelbe, Betonschalen). Elegante, organische Formen.
- Zugkonstruktionen: Seile und Membranen (z. B. Olympiadach Muenchen, Frei Otto, 1972).
Baukörper und Oberflaecche
Der Baukörper ist die dreidimensionale Form des Gebaeudes im Raum:
- Kubisch: Wuerfel- oder quaderfoermig (typisch für die Moderne).
- Organisch: Geschwungene, biomorphe Formen (z. B. Gehry, Hadid).
- Additiv: Aus einzelnen Baukuben zusammengesetzt.
- Subtraktiv: Aus einem großen Volumen werden Teile „herausgeschnitten“.
Die Oberfläche (Fassade, Haut) bestimmt die Wirkung:
- Material: Sichtbeton (rau, ehrlich), Glas (transparent, leicht), Naturstein (würdevoll, dauerhaft), Metall (technisch, glaenzend), Holz (warm, natürlich).
- Textur: Glatt, rau, strukturiert, gemustert.
- Farbe: Weiss (Moderne), bunt (Postmoderne), Materialfarbe.
Erschließung und Raumfolge
Die Erschließung beschreibt, wie ein Gebaeude betreten und durchschritten wird:
- Äußere Erschließung: Zugang, Vorplatz, Eingang, Treppe. Wie nähert sich der Besucher dem Gebaeude?
- Innere Erschließung: Flure, Treppenhäuser, Aufzuege. Wie bewegt man sich im Gebaeude? Linear (Enfilade), zentral (Halle), fliessend (offener Grundriss)?
- Raumfolge: Abfolge von Räumen unterschiedlicher Größe, Höhe und Lichtstimmung. Erzeugt Dramaturgie des Raumerlebens (z. B. enger Eingang → weite Halle = Steigerung und Überraschung).
Grund- und Aufriss
Architekturzeichnungen sind die Sprache der Architektur:
- Grundriss: Horizontaler Schnitt durch das Gebaeude. Zeigt Raumaufteilung, Wände, Öffnungen, Treppen, Moebilierung. Wird von oben betrachtet.
- Aufriss / Fassadenansicht: Frontale Ansicht einer Seite des Gebaeudes. Zeigt Proportionen, Gliederung, Öffnungen, Material.
- Schnitt: Vertikaler Schnitt durch das Gebaeude. Zeigt Geschosshoehen, Raumhoehen, Konstruktion, Dachform.
- Perspektive / 3D-Ansicht: Räumliche Darstellung des Gebaeudes.
Abitur-Tipp: Bei der Architekturanalyse verwende immer die drei Funktionen (praktisch, ästhetisch, symbolisch) als Ordnungsrahmen. Beschreibe Grundriss, Aufriss und Schnitt systematisch. Nutze Fachbegriffe wie: Erschließung, Raumfolge, Baukörper, Fassade, Tragwerk, Skelettbau/Massivbau. Begründe jede Beobachtung mit ihrer Wirkung auf den Nutzer/Betrachter.