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Neues Bauen und Weissenhofsiedlung

Weissenhofsiedlung Stuttgart, Haus Le Corbusier, 1927

Weissenhofsiedlung – Le Corbusier (Stuttgart, 1927)

Le Corbusiers Doppelhaus in der Weissenhofsiedlung demonstriert seine „Fünf Punkte einer neuen Architektur“: Pilotis, freier Grundriss, freie Fassade, Fensterband und Dachgarten – ein Manifest des Neuen Baüns.

Das Neue Bauen

Das Neue Bauen ist die deutsche Bezeichnung für die Architektur der Moderne in den 1920er und fruehen 1930er Jahren. Es war getragen von der Überzeugung, dass Architektur das Leben der Menschen verbessern und die soziale Frage lösen könne.

Kernideen:

  • Wohnungsnot bekaempfen: Nach dem Ersten Weltkrieg herrschte in deutschen Grossstaedten akuter Wohnungsmangel. Das Neue Bauen wollte bezahlbaren, hygienischen Wohnraum für breite Bevölkerungsschichten schaffen.
  • Rationalisierung: Typisierung und Normung von Bauteilen, industrielle Fertigungsmethoden, effizienter Grundriss (Frankfurter Küche, Margarete Schuette-Lihotzky, 1926).
  • Neue Formen: Flachdach, Skelettbau, Fensterbänder, weisse Putzfassaden, offene Grundrisse.
  • Licht, Luft, Sonne: Zeilenbauten statt geschlossener Bloecke, Ausrichtung nach der Sonne, große Fenster, Balkone, Dachterrassen.
Die Weissenhofsiedlung Stuttgart (1927)

Die Weissenhofsiedlung auf dem Killesberg in Stuttgart war eine Werkbundausstellung, bei der die bedeutendsten Architekten der euroaeischen Avantgarde ihre Vorstellung vom modernen Wohnen realisierten. Organisiert wurde sie vom Deutschen Werkbund unter der künstlerischen Leitung von Ludwig Mies van der Rohe.

Beteiligte Architekten: Mies van der Rohe, Le Corbusier, Walter Gropius, Hans Scharoun, J.J.P. Oud, Peter Behrens, Bruno Taut, Hans Poelzig, Ludwig Hilberseimer u. a. – insgesamt 17 Architekten aus fünf Ländern.

Merkmale der Siedlung:

  • 21 Häuser mit 60 Wohnungen in unterschiedlichen Bautypen (Einfamilienhaus, Doppelhaus, Reihenhaus, Mehrfamilienhaus).
  • Gemeinsamer Nenner: Flachdach, weisse Fassaden, moderne Konstruktion.
  • Jeder Architekt realisierte seine eigene Interpretation des modernen Wohnens – die Siedlung ist ein Kompendium moderner Architektur.
Einzelne Bauten der Weissenhofsiedlung

Mies van der Rohe – Wohnblock: Stahlskelettbau mit freiem Grundriss. Bewohner konnten die Innenwwände nach Belieben anordnen – ein revolutionaeres Konzept der Flexibilität.

Le Corbusier – Doppelhaus (Haus 14/15): Demonstration der fünf Punkte: Pilotis, freier Grundriss, freie Fassade, Langfenster, Dachgarten. Heute UNESCO-Welterbe.

J.J.P. Oud – Reihenhäuser: Äußerst effiziente Grundrissgestaltung auf minimalem Raum. Durchdachte Funktionszusammenaenge, seriell wiederholbar.

Hans Scharoun – Einfamilienhaus: Bereits organischere, weniger streng geometrische Formensprache – ein Vorgriff auf den späteren „organischen Funktionalismus“.

Gesellschaftliche Bedeutung und Rezeption

Die Weissenhofsiedlung war heftig umstritten:

  • Befürworter: Sahen in ihr den Aufbruch in eine neue, gerechtere Welt. Moderne Architektur als Ausdruck von Demokratie, Fortschritt und sozialer Verantwortung.
  • Gegner: Konservative und Nationalsozialisten lehnten die Siedlung als „undeutsch“ und „orientalisch“ ab (Propaganda-Fotomontage als „Araberdorf“). Nach 1933 wurde das Neue Bauen als „entartet“ diffamiert.
  • Heute: Die Siedlung steht unter Denkmalschutz, Le Corbusiers Doppelhaus ist seit 2016 UNESCO-Welterbe. Die Weissenhofsiedlung gilt als Geburtstätte der modernen Architektur.

Abitur-Tipp: Die Weissenhofsiedlung ist ein ideales Thema für die Diskussion von Architektur und Gesellschaft: Welche sozialen Visionen standen hinter dem Neuen Bauen? Wie wurden sie realisiert? Welche Kritik gab es? Kenne die beteiligten Architekten und ihre spezifischen Beiträge. Für den Vergleich mit Postmoderne: Das Neue Bauen steht für Universalität und Funktionalismus; die Postmoderne kritisiert genau diesen Universalanspruch.