Historischer Jesus vs. Christus des Glaubens
Die Unterscheidung
Die Unterscheidung zwischen dem historischen Jesus und dem Christus des Glaubens (kerygmatischer Christus) ist eine der zentralen Fragen der neutestamentlichen Wissenschaft und der Christologie:
- Historischer Jesus: Der Mensch Jesus von Nazareth, wie er mit den Methoden der historisch-kritischen Forschung rekonstruiert werden kann. Was lässt sich über sein Leben, Wirken und seine Botschaft historisch sichern?
- Christus des Glaubens: Jesus Christus, wie ihn die Gemeinde nach Ostern verkündigt hat – als Sohn Gottes, Messias, Auferstandener. Dies ist der kerygmatische (verkündigte) Christus der Evangelien und der fruehchristlichen Bekenntnisse.
Geschichte der Jesusforschung
Die Suche nach dem historischen Jesus hat eine lange und wechselvolle Geschichte:
- Erste Suche (19. Jh.): Theologen wie David Friedrich Strauss und Albert Schweitzer versuchten, hinter den Evangelien den „wahren“ Jesus zu finden. Schweitzer zeigte in „Geschichte der Leben-Jesu-Forschung“ (1906), dass alle bisherigen Jesus-Bilder eher Projektionen der jeweiligen Forscher waren.
- Keine Suche (Bultmann): Rudolf Bultmann erklärte die Rückfrage nach dem historischen Jesus für theologisch irrelevant: Entscheidend sei allein der verkündigte Christus (Kerygma). Vom historischen Jesus könne man „so gut wie nichts“ wissen.
- New Quest (ab 1953): Bultmanns Schüler Ernst Kaesemann forderte eine erneute Rückfrage: Ohne historische Verankerung drohe der Glaube zum Mythos zu werden.
- Third Quest (ab 1980er): Verortung Jesu im Judentum des 1. Jahrhunderts. Interdisziplinaere Forschung (Archaeologie, Soziologie). Jesus als juedischer Wanderprediger und Prophet.
Kriterien der historischen Jesusforschung
Um historisch zuverlässige Jesus-Überlieferungen zu identifizieren, werden folgende Echtheitskriterien angewandt:
- Differenzkriterium: Authentisch ist, was sich weder aus dem Judentum noch aus der fruehchristlichen Gemeinde ableiten lässt.
- Kohärenzkriterium: Was zu den als authentisch erkannten Überlieferungen passt, ist ebenfalls wahrscheinlich historisch.
- Mehrfachbezeugung: Was in mehreren unabhängigen Qüllen überliefert ist, hat hoehere historische Wahrscheinlichkeit.
- Kreuzkriterium: Was zur Kreuzigung geführt haben könnte, ist wahrscheinlich historisch (da die Kreuzigung als Faktum gilt).
Abitur-Tipp: Im Abitur wird häufig ein Text zur Diskussion gestellt, der die Spannung zwischen historischer Forschung und Glaubensaussage thematisiert. Zeige, dass du beide Perspektiven darstellen kannst: Die historische Forschung hat ihre Berechtigung, kann aber den Glauben weder beweisen noch widerlegen. Der Glaube geht über das historisch Sicherbare hinaus, darf sich aber nicht völlig von der Geschichte lösen.