Dorothee Sölle (1929–2003) war eine der einflussreichsten evangelischen Theologinnen der Nachkriegszeit. Ihr Denken verbindet politische Theologie, Mystik und feministische Theologie:
Sölles Gottesverständnis ist tief geprägt von der Theodizeefrage nach dem Holocaust:
In ihrem Spätwerk verbindet Sölle Mystik und politisches Engagement:
In ihrem ersten großen Werk Stellvertretung. Ein Kapitel Theologie nach dem „Tode Gottes“ (1965) reagiert Sölle auf die Gott-ist-tot-Theologie der 1960er Jahre (Thomas J. J. Altizer, William Hamilton). Sölle nimmt deren Diagnose ernst, dass das traditionelle theistische Gottesbild nach Auschwitz nicht mehr glaubwürdig ist, hält aber an Christus fest. Christus ist für sie der Stellvertreter Gottes in der Welt – nicht in dem Sinn, dass er Gott ersetzt, sondern dass er die Güte Gottes vorläufig vertritt, bis Gott selbst erfahrbar wird. Sölle schreibt: „Christus ist Stellvertreter Gottes bei uns. Solange Gott nicht da ist, hält er den Platz Gottes für uns offen.“ (Sölle, Stellvertretung, 1965)
Damit verschiebt Sölle den Akzent radikal: Gott ist nicht länger der unbewegte Beweger, sondern eine Beziehungsrealität, die durch menschliche und christologische Stellvertretung lebendig wird.
Beeinflusst von Johann Baptist Metz und der lateinamerikanischen Befreiungstheologie (Gustavo Gutiérrez) versteht Sölle Theologie als kritische Reflexion christlicher Praxis. Glaube ist kein Privatbesitz, sondern muss politisch werden. In Politische Theologie (1971) wendet sie sich gegen Rudolf Bultmanns existentiale Interpretation: Diese privatisiere das Heil und blende die gesellschaftlichen Strukturen der Sünde aus. Sölle fordert eine Theologie, die Vietnam-Krieg, Atomrüstung, Kapitalismus und Sexismus theologisch beim Namen nennt.
Ihr berühmter Satz: „Es gibt keinen unpolitischen Glauben. Wer schweigt, wählt die Seite des Unterdrückers.“ Das Politische Nachtgebet, das sie 1968 in der Kölner Antoniterkirche initiierte, verband Bibellesung, politische Information und konkrete Aktion und wurde zum Modell für protestantische Basisgruppen in der Bundesrepublik.
Sölle zählt zu den Pionierinnen der deutschsprachigen feministischen Theologie. In Gott denken. Einführung in die Theologie (1990) kritisiert sie die patriarchale Sprache über Gott („Vater“, „Herr“, „König“) als Ausdruck einer Herrschaftstheologie, die Frauen unterdrückt. Sie plädiert für weibliche und mitschöpferische Gottesbilder: Gott als Mutter, als Lebenskraft, als „Quelle, die uns trägt“. Diese Bilder seien biblisch ebenso legitim (Jes 49,15; Hos 11,4) wie die patriarchalen.
Konservative Theologen wie Wolfhart Pannenberg warfen Sölle vor, mit dem Allmachtsgedanken auch die Souveränität Gottes aufzugeben. Ein ohnmächtiger Gott, der auf den Menschen angewiesen ist, verliere seinen heilsgeschichtlichen Charakter und werde zum Projektionsfläche politischer Programme. Andere kritisierten ihre Nähe zur Sozialismusrhetorik der 1970er Jahre. Sölle selbst antwortete: Wer den allmächtigen Gott rette, opfere die Menschen – sie wolle umgekehrt Gott so denken, dass die Opfer nicht erneut verraten werden.
Abitur-Tipp: Sölle eignet sich hervorragend für Vergleiche mit anderen Gotteskonzepten. Kontrastiere ihr Bild des ohnmächtigen, mitleidenden Gottes mit dem traditionellen theistischen Gottesbild (allmächtig, allwissend, allguetig). Diskutiere: Ist ein ohnmächtiger Gott noch Gott? Oder ermöglicht gerade diese Vorstellung einen ehrlichen Glauben nach Auschwitz?