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      • Dietrich BonhöfferDietrich Bonhöffer: Leben, Nachfolge, Widerstand, billige und teure Gnade, religionsloses Christentum, Abitur-Relevanz.
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Ökologische Ethik – Christliche Perspektive

Bewahrung der Schoepfung als Auftrag

Die ökologische Krise (Klimawandel, Artensterben, Umweltverschmutzung) stellt die christliche Ethik vor die Frage: Welche Verantwortung trägt der Mensch für die Schoepfung?

  • Dominium terrae (Gen 1,28): „Macht euch die Erde untertan.“ Dieser Auftrag wurde lange als Legitimation der Naturbeherrschung verstanden.
  • Neuinterpretation: Heute wird das Dominium terrae als Verwaltungsauftrag (stewardship) verstanden: Der Mensch ist nicht Besitzer, sondern Hueter der Schoepfung.
  • Gen 2,15: „Gott setzte den Menschen in den Garten Eden, damit er ihn bebaue und bewahre.“ Hier wird der Auftrag der Bewahrung (hebr. shamar = hueten, bewahren) betont.
  • Konziliarer Prozess (1983): Auf der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen wurde der Dreiklang „Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schoepfung“ als zentrale Aufgabe der Kirchen formuliert.
Enzyklika „Laudato si’“ (2015)

Papst Franziskus veröffentlichte 2015 die Enzyklika „Laudato si’ – Über die Sorge für das gemeinsame Haus“, die als Meilenstein der christlichen Umweltethik gilt:

  • Integrale Ökologie: Franziskus verbindet Umweltschutz mit sozialer Gerechtigkeit: Die Aermsten leiden am meisten unter der Umweltzerstörung. Man kann die Naturkrise nicht von der Sozialkrise trennen.
  • Kritik an der „Wegwerfkultur“: Der Papst kritisiert den Konsumismus und die Ausbeutung der Natur als Ausdruck einer technokratischen Vernunft, die alles der Gewinnmaximierung unterordnet.
  • Ökologische Umkehr: Franziskus fordert eine ökologische Umkehr (ecological conversion): Änderung des Lebensstils, Mäßigung, Solidarität mit künftigen Generationen.
  • Dialog: Die Enzyklika richtet sich nicht nur an Katholiken, sondern an alle Menschen guten Willens und fordert einen interdisziplinaeren Dialog.
Theologische Begründungen ökologischer Ethik
  • Schoepfungstheologie: Die Natur ist Gottes Schoepfung und hat einen Eigenwert jenseits des menschlichen Nutzens.
  • Nächstenliebe intergenerationell: Das Doppelgebot der Liebe schließt künftige Generationen ein.
  • Sabbatgebot: Auch die Erde braucht „Ruhe“ – das Sabbatjahr (Lev 25) verlangt, dass das Land alle sieben Jahre brach liegt.
  • Albert Schweitzers „Ehrfurcht vor dem Leben“: Ethisch relevante Position, die alles Lebendige in den Kreis moralischer Berücksichtigung einbezieht.
Jürgen Moltmann – Schöpfung als kosmische Schechina

Der reformierte Theologe Jürgen Moltmann (geb. 1926) legt mit Gott in der Schöpfung. Ökologische Schöpfungslehre (1985) eines der wichtigsten Werke der protestantischen Ökotheologie vor. Moltmann kritisiert das traditionelle Schöpfungsverständnis als zu anthropozentrisch und entwickelt eine trinitarische Schöpfungslehre: Gott ist nicht jenseits, sondern in seiner Schöpfung präsent. Er greift den jüdischen Schechina-Begriff auf und schreibt: „Wer Gott im Heiligen Geist findet, findet ihn in allen Dingen, in denen er wohnt.“ (Moltmann, Gott in der Schöpfung, 1985) Damit wird Naturzerstörung zur Gotteslästerung und der Ruhetag des siebten Schöpfungstages zum ökologischen Leitbild: Schöpfung ist nicht Produktion, sondern Sabbat.

Lynn Whites Vorwurf 1967

Der amerikanische Mediaevist Lynn White Jr. veröffentlichte 1967 in Science den vielzitierten Aufsatz The Historical Roots of Our Ecologic Crisis. Sein Vorwurf: Das Christentum sei mit seiner anthropozentrischen Auslegung von Gen 1,28 die Hauptverantwortliche für die ökologische Krise. „Christianity is the most anthropocentric religion the world has seen.“ (White, 1967) Diese These hat eine ganze Generation christlicher Umweltethik provoziert. Carl Amery zog den Vorwurf in Das Ende der Vorsehung (1972) ins Deutsche und sprach von den „gnadenlosen Folgen des Christentums“. Die christliche Ökotheologie (Moltmann, Auer, Altner, Franziskus) versteht sich seither als Antwort auf diesen Einwand – sie zeigt, dass die anthropozentrische Lesart eine neuzeitliche Engführung ist, nicht der biblische Befund.

EKD-Denkschriften und kirchliches Handeln

Die Evangelische Kirche in Deutschland hat seit den 1980er Jahren mehrere Öko-Denkschriften veröffentlicht, darunter Umkehr zum Leben. Nachhaltige Entwicklung im Zeichen des Klimawandels (EKD 2009). Konkrete Konsequenzen: Klimaschutzgesetz der EKD 2022 (Klimaneutralität bis 2035), „Grüner Hahn“-Umweltmanagement in Gemeinden, fossile Divestment-Beschlüsse. Damit zeigt sich: Schöpfungsbewahrung ist nicht nur ethisches Postulat, sondern institutionelle Praxis.

Abitur-Tipp: Die ökologische Ethik ist hochaktüll und wird häufig geprüft. Lerne zentrale Aussagen von „Laudato si’“ und verbinde sie mit Jonas' Verantwortungsethik. Diskutiere kritisch: Reicht der Appell an individülle Umkehr, oder braucht es strukturelle Veränderungen (politisch, wirtschaftlich)? Zeige auch die Spannung zwischen Dominium terrae und Bewahrungsauftrag.