Der Begriff francophonie wurde 1880 vom Geografen Onesime Reclus geprägt und beschreibt die Gesamtheit der französischsprachigen Menschen weltweit. Heute zählt die Organisation internationale de la Francophonie (OIF, gegründet 1970) 88 Mitgliedstaaten und beobachtende Staaten. Insgesamt sprechen rund 321 Millionen Menschen Französisch (Stand 2022). Bis 2050 könnte diese Zahl auf rund 700 Millionen steigen, vor allem durch das Bevölkerungswachstum in Subsahara-Afrika.
Wichtig für das Abitur: la francophonie mit kleinem „f“ bezeichnet die Sprachgemeinschaft, la Francophonie mit großem „F“ die politische Organisation OIF.
• L’Europe: Frankreich, Belgien (Wallonien), Schweiz (Romandie), Luxemburg, Monaco. Etwa 80 Millionen Sprecher.
• L’Afrique du Nord (Maghreb): Algerien, Marokko, Tunesien. Französisch ist offiziell keine Amtssprache mehr (außer in Tunesien teilweise), aber bleibt im Bildungswesen, in Wissenschaft und Wirtschaft präsent. Über 100 Millionen Menschen sprechen es als Erst- oder Zweitsprache.
• L’Afrique subsaharienne: Sénégal, Côte d’Ivoire, Mali, Burkina Faso, Cameroun, Gabon, Togo, Niger, Bénin, République démocratique du Congo (mit fast 40 Mio. Französischsprechern das größte Land der Francophonie). Hier wird das Französische in den nächsten Jahrzehnten am stärksten wachsen.
• L’Amérique: Quebec (Kanada), Haiti, französische Antillen (Martinique, Guadeloupe), Französisch-Guyana.
• L’Océan Indien: Madagaskar, Mauritius, Comores, La Réunion.
• Le Pacifique: Nouvelle-Calédonie, Polynésie française, Vanuatu.
Die OIF wurde von drei afrikanischen Präsidenten mitgegründet: Léopold Sédar Senghor (Senegal), Habib Bourguiba (Tunesien) und Hamani Diori (Niger). Senghor, selbst Dichter und Theoretiker der négritude, sah in der französischen Sprache nicht nur ein Erbe der Kolonialzeit, sondern auch ein Werkzeug der dekolonialen Selbstbehauptung. Sein Satz: «Le français est une langue qui se prête à tout dire.» („Das Französische ist eine Sprache, die sich dafür eignet, alles zu sagen.“)
Heute steht die OIF in Spannung: Sie ist Trägerin des rayonnement culturel und fördert Demokratie und Menschenrechte, gleichzeitig ringt sie mit den postkolonialen Vorwürfen, dass sie eine Verlängerung der französischen Einflusssphäre sei (françafrique). In den letzten Jahren haben mehrere afrikanische Länder (Mali, Burkina Faso, Niger) das Französische als Amtssprache zurückgestuft.
Léopold Sédar Senghor:
«Au-delà des barrières raciales et linguistiques, nous voulons construire la civilisation de l’universel.» (Senghor 1962)
(„Jenseits der rassischen und sprachlichen Barrieren wollen wir die Zivilisation des Universalen aufbauen.“)
Bei Gaël Faye, der selbst die Verbindung zwischen Frankreich und Burundi verkörpert:
«Le français était notre langue maternelle et la langue de l’ailleurs, en même temps.» (Faye 2016)
(„Das Französische war zugleich unsere Muttersprache und die Sprache des Anderswo.“)
Aus der Charta der OIF, Hanoi 1997:
«La Francophonie a pour mission de promouvoir la diversité culturelle et linguistique.»
(„Die Francophonie hat die Aufgabe, kulturelle und sprachliche Vielfalt zu fördern.“)
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Stolperfallen: 1) Algerien ist nicht Mitglied der OIF, obwohl Französisch dort weit verbreitet ist (Folge der Kolonialzeit). 2) Quebec ist französischsprachig, aber Kanada insgesamt ist offiziell zweisprachig. 3) Verwechsle nicht francophonie und franc-maçonnerie (Freimaurerei).
Die Francophonie wird heute kritisch hinterfragt. Junge afrikanische Intellektuelle wie Achille Mbembe (Kamerun) oder Felwine Sarr (Senegal) fordern eine wirkliche Augenhöhe statt einer paternalistischen Beziehung. Die françafrique – das Netz aus politischen, militärischen und wirtschaftlichen Verbindungen Frankreichs zu seinen ehemaligen Kolonien – gilt vielen als Hindernis für echte Souveränität. Seit 2022 haben Mali, Burkina Faso und Niger nach Putschen die französische Sprache als Amts- oder Bildungssprache zurückgestuft und französische Truppen ausgewiesen. Macron versucht mit dem Konzept einer nouvelle relation Afrique-France gegenzusteuern. Diese Spannung zeigt: Die Francophonie ist nicht nur ein Erbe der Vergangenheit, sondern ein politisches Schlachtfeld der Gegenwart. Für die Klausur lohnt es sich, beide Seiten zu kennen.
Zusammenfassung:
• OIF seit 1970, 88 Staaten, ~321 Mio. Sprecher (2022)
• Wachstumsregion: Subsahara-Afrika
• Senghor als Mitgründer, Theoretiker der négritude
• Spannung: Diversitätsförderung vs. françafrique-Vorwürfe
• Faye als zeitgenössisches Beispiel franko-afrikanischer Hybridität
Abitur-Tipp: Lerne die Zahl 321 Mio. (2022) und das Senghor-Zitat über die civilisation de l’universel. Verbinde die OIF mit Faye und mit der Diskussion um die françafrique. Argumentiere differenziert: Francophonie ist Schutz der Vielfalt UND Erbe der Kolonialgeschichte.