Taizé und neue geistliche Gemeinschaften
Die Communauté de Taizé
Die Communauté de Taizé ist eine ökumenische Brüdergemeinschaft in dem kleinen burgundischen Dorf Taizé (Frankreich), gegründet 1940 von dem reformierten Schweizer Theologen Frère Roger Schutz (1915–2005).
- Gründungsimpuls: Frère Roger wollte eine Gemeinschaft schaffen, die Versöhnung lebt – zwischen Konfessionen, Völkern und Generationen. Er nahm während des Zweiten Weltkriegs jüdische Flüchtlinge auf.
- Zusammensetzung: Die Gemeinschaft besteht heute aus ca. 100 Brüdern aus über 30 Ländern – Katholiken, Protestanten und Anglikaner leben gemeinsam.
- Spiritualität: Dreimal täglich gemeinsames Gebet (mit den charakteristischen Taizé-Gesängen: kurze, meditative, mehrsprachige Lieder), Stille und Bibellesung. Die Liturgie ist schlicht und offen für alle Konfessionen.
- Jugendtreffen: Jede Woche kommen tausende junge Menschen (16–35 Jahre) aus aller Welt nach Taizé für Gebetstreffen. Die jährlichen Europäischen Jugendtreffen (Jahreswende) finden in wechselnden europäischen Großstädten statt und versammeln bis zu 100.000 Teilnehmer.
Taizé und die ökumenische Bewegung
Taizé ist ein Zeichen gelebter Ökumene:
- Ökumene (griech. oikumene = die ganze bewohnte Erde) bezeichnet die Bewegung zur Einheit der Christen. Grundlage ist das Gebet Jesu: „Alle sollen eins sein“ (Joh 17,21).
- Taizé übt Ökumene nicht durch theologische Verhandlungen, sondern durch gemeinsames Leben, Beten und Dienen. Frère Roger sprach von einer „Ökumene der Freundschaft“.
- Zweites Vatikanisches Konzil (1962–65): Frère Roger war als Beobachter eingeladen – die Gemeinschaft pflegte enge Kontakte zu Papst Johannes XXIII. und späteren Päpsten. Frère Roger empfing 1972 die Kommunion aus den Händen von Kardinal Wojtyla (dem späteren Johannes Paul II.).
- Die Taizé-Gesänge haben die Liturgie weltweit beeinflusst und werden sowohl in evangelischen als auch in katholischen Gottesdiensten gesungen.
Neue geistliche Gemeinschaften
Seit dem 20. Jahrhundert sind zahlreiche neue geistliche Gemeinschaften (movimenti) entstanden, die das kirchliche Leben erneuern:
- Focolare-Bewegung (gegr. 1943, Chiara Lubich): Schwerpunkt auf der Einheit (Joh 17,21), Dialog zwischen Religionen und Kulturen, Spiritualität der Gemeinschaft.
- Gemeinschaft Sant’Egidio (gegr. 1968, Rom, Andrea Riccardi): Gebet, Dienst an den Armen, Einsatz für Frieden (Friedensverhandlungen in Mosambik 1992). Seit 1986 organisiert sie interreligiöse Friedenstreffen im Geist von Assisi.
- Neokatechumenaler Weg (gegr. 1964, Kiko Argüello): Katechumenale Glaubenserneuerung in Gemeinden, intensive Bibelarbeit und Liturgie.
- Gemeinschaft von Jerusalem (gegr. 1975): Monastisches Leben in Großstädten – Verbindung von Kontemplation und städtischem Alltag.
Bedeutung für Kirche und Gesellschaft
Die neuen Gemeinschaften und Taizé zeigen:
- Lebendigkeit des Glaubens: In einer Zeit der Säkularisierung sind sie Orte spiritüller Erneuerung und „Laboratorien des Glaubens“.
- Jugendpastoral: Besonders Taizé erreicht junge Menschen, die mit traditionellen Kirchenformen wenig anfangen können.
- Ökumenische Vorwegnahme: In diesen Gemeinschaften wird die Einheit der Christen schon jetzt gelebt – als Zeichen und Vorwegnahme dessen, was die Kirchen offiziell noch nicht erreicht haben.
- Soziales Engagement: Viele Gemeinschaften verbinden Spiritualität mit konkretem Dienst an den Armen und Ausgegrenzten (Mt 25,35–40: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“).
Abitur-Tipp: Im Religionsabitur kann Taizé als Beispiel für gelebte Ökumene und als Modell für Kirche der Zukunft abgefragt werden. Du solltest Frère Roger, die Grundzüge der Taizé-Spiritualität und mindestens zwei weitere neue Gemeinschaften (z.B. Focolare, Sant’Egidio) benennen können. Verbinde das Thema mit Joh 17,21 und dem ökumenischen Auftrag des Zweiten Vatikanischen Konzils (Unitatis redintegratio).