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Impressionismus und Postimpressionismus

Wegbereiter der Moderne – Monet, Cézanne, van Gogh

Claude Monet, Seerosen, 1906

Claude Monet – Seerosen (1906)

Monets späte Seerosenbilder zeigen die konsequente Auflösung der Gegenstandsfarbe zugunsten reiner Licht- und Farbwirkung. Die Wasseroberfläche wird zum Träger atmosphärischer Stimmungen – ein Schlüsselwerk des Impressionismus.

1. Historischer Kontext

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wandten sich französische Künstler von der akademischen Salonmalerei ab. Anlass war die Industrialisierung, die Veränderung urbaner Lebenswelten und die Erfindung der Fotografie, die das Monopol der Malerei auf die naturalistische Wirklichkeitsabbildung in Frage stellte. Die Künstler suchten nach neuen Ausdrucksformen, die den flüchtigen Augenblick und das subjektive Seherlebnis in den Mittelpunkt stellten.

2. Impressionismus (ca. 1860–1886)

2.1 Merkmale der Bildgestaltung

  • Licht und Farbe: Statt lokaler Gegenstandsfarben malten die Impressionisten das, was das Auge im Moment wahrnahm. Lichtreflexe, Schattentöne und atmosphärische Stimmungen wurden durch reine, ungemischte Farbflecken nebeneinandergesetzt (Divisionismus).
  • Pinselduktus: Kurze, sichtbare Pinselstriche – der touche – lösten die glatte Oberfläche der Salonmalerei ab. Die Bilderschließung verlagerte sich vom Detail auf den Gesamteindruck.
  • Komposition: Angeschnittene Bildausschnitte, unkonventionelle Blickwinkel und der Verzicht auf eine strenge Zentralperspektive zeigten den Einfluss der Fotografie und japanischer Holzschnitte.
  • Freilichtmalerei (Plein air): Die Arbeit unter freiem Himmel ermöglichte es, wechselnde Lichtverhältnisse direkt auf die Leinwand zu übertragen.

2.2 Hauptvertreter

Claude Monet (1840–1926): Namensgeber der Bewegung durch sein Bild Impression, soleil levant (1872). Monet untersuchte in seinen Serien – Heuhaufen, Kathedrale von Rouen, Seerosen – die Veränderung des Lichts über die Tageszeiten hinweg. Seine späten Seerosenbilder gelten als Vorboten der abstrakten Malerei.

Pierre-Auguste Renoir (1841–1919): Bevorzugte Figurendarstellungen in warmem, fließendem Licht. Bal du moulin de la Galette (1876) zeigt die typische impressionistische Erfassung einer flüchtigen Gesellschaftsszene.

Edgar Degas (1834–1917): Bekannt für seine Ballettszenen. Degas nutzte ungewohnte Perspektiven und asymmetrische Kompositionen, die vom japanischen Holzschnitt und von der Momentfotografie beeinflusst waren.

3. Postimpressionismus (ca. 1886–1910)

Der Begriff „Postimpressionismus“ wurde 1910 vom Kritiker Roger Fry geprägt. Er umfasst Künstler, die vom Impressionismus ausgingen, ihn aber in verschiedene Richtungen weiterentwickelten. Gemeinsam war ihnen das Streben nach größerer Ausdruckskraft und formaler Strenge.

3.1 Paul Cézanne (1839–1906)

Cézanne wird oft als „Vater der Moderne“ bezeichnet. Er wollte „den Impressionismus zu etwas Solidem und Dauerhaftem machen, wie die Kunst der Museen“. Seine zentralen Bildgestaltungsprinzipien:

  • Geometrisierung: Naturformen wurden auf Grundkörper (Kugel, Kegel, Zylinder) zurückgeführt – ein Vorgriff auf den Kubismus.
  • Simultanperspektive: Mehrere Blickwinkel in einem Bild vereint, was die Einansichtigkeit der Zentralperspektive aufbrach.
  • Farbmodulation: Statt Hell-Dunkel-Modellierung setzte Cézanne Farbtöne nebeneinander, um Räumlichkeit zu erzeugen (Warm-Kalt-Kontrast).

3.2 Vincent van Gogh (1853–1890)

Van Gogh nutzte Farbe und Pinselduktus als Ausdrucksträger innerer Zustände – er gilt daher als Wegbereiter des Expressionismus:

  • Expressive Farbgebung: Komplementärkontraste (Gelb/Violett, Blau/Orange) wurden bewusst übersteigert, um emotionale Wirkung zu erzielen.
  • Dynamischer Pinselstrich: Wirbelnde, pastose Striche (z. B. Sternennacht, 1889) verliehen den Bildern eine innere Bewegung.
  • Symbolische Bildsprache: Sonnenblumen, Zypressen und Weizenfelder wurden zu persönlichen Symbolen für Lebensfreude, Tod und Vergänglichkeit.

3.3 Paul Gauguin (1848–1903)

Gauguin strebte nach einer „Kunst der Empfindung“ und entwickelte den Synthetismus (Cloisonnismus): Flächige Farbfelder, begrenzt durch dunkle Konturen, erinnern an Glasmalerei. Seine Tahiti-Bilder zeigen eine bewusste Abkehr von der europäischen Zivilisation.

3.4 Georges Seurat (1859–1891)

Seurat systematisierte den impressionistischen Farbauftrag zum Pointillismus (Neoimpressionismus): Kleine Farbpunkte reiner Farbe werden nach wissenschaftlichen Grundlagen der Farbtheorie (Chevreul) nebeneinandergesetzt. Die optische Mischung erfolgt im Auge des Betrachters.

4. Bildanalytische Zugänge (Klausurrelevanz)

Bei der Bilderschließung impressionistischer und postimpressionistischer Werke sind folgende Aspekte besonders relevant:

  • Farbanalyse: Welche Farbkontraste (Komplementär-, Warm-Kalt-, Qualitätskontrast) werden eingesetzt? Wie verhält sich die Bildfarbe zur Gegenstandsfarbe?
  • Maltechnik: Wie ist der Farbauftrag beschaffen (pastose Striche, Tupfen, Flächen)? Welche Wirkung erzeugt der Pinselduktus?
  • Komposition: Wie ist der Bildaufbau organisiert? Gibt es ein Gestaltungsraster, Diagonalen, eine Symmetrieachse?
  • Licht und Raum: Wie werden Räumlichkeit und Tiefe erzeugt – durch Farbperspektive, Überschneidung oder atmosphärische Perspektive?

5. Bedeutung für die Kunstgeschichte

Der Impressionismus leitete die Autonomie der künstlerischen Mittel ein: Farbe, Pinselstrich und Komposition wurden eigenständige Ausdrucksträger, unabhängig von der bloßen Abbildung. Der Postimpressionismus radikalisierte diesen Ansatz und bereitete die Avantgarden des 20. Jahrhunderts vor: Cézannes Geometrisierung führte zum Kubismus, van Goghs Expressivität zum Expressionismus, Gauguins Flächigkeit zum Fauvismus und Seurats Farbsystematik zur Op-Art.