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Expressionismus in der Malerei

Brücke, Blauer Reiter – Kirchner, Marc, Kandinsky

Ernst Ludwig Kirchner, Berliner Straßenszene, 1913

Ernst Ludwig Kirchner – Berliner Straßenszene (1913)

Kirchners „Berliner Straßenszene“ ist ein Hauptwerk des Brücke-Expressionismus. Die spitzen, kantigen Formen, die grellen Farben und die gedrängte Komposition drücken die Hektik und Entfremdung des Großstadtlebens aus.

1. Definition und historischer Hintergrund

Der Expressionismus (lat. expressio = Ausdruck) entstand um 1905 als bewusste Gegenbewegung zum Impressionismus und zum Naturalismus. Während der Impressionismus den äußeren Sinneseindruck (impression) festhielt, zielte der Expressionismus auf den inneren Ausdruck: Gefühle, Visionen und existenzielle Erfahrungen sollten unmittelbar durch Farbe und Form sichtbar werden.

Historisch fiel die Bewegung in eine Zeit gesellschaftlicher Umbrüche: Urbanisierung, soziale Spannungen, Entfremdung in der Großstadt und die Vorahnung des Ersten Weltkriegs prägten die Künstler.

2. Die Künstlergruppe „Brücke“ (1905–1913)

2.1 Gründung und Programm

Gegründet in Dresden von Architekturstudenten: Ernst Ludwig Kirchner, Fritz Bleyl, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff. Der Name „Brücke“ symbolisierte den Übergang zu einer neuen Kunst. Später schlossen sich Max Pechstein, Otto Müller und Emil Nolde an.

2.2 Stilmerkmale

  • Grelle, ungebrochene Farben: Bewusster Einsatz von Farbe als Ausdrucksträger, losgelöst von der Naturfarbe. Komplementärkontraste und Simultankontraste steigern die Intensität.
  • Deformation der Form: Verzerrte Proportionen, kantige Konturen, flächige Darstellung ohne akademische Modellierung.
  • Holzschnitt: Das bevorzugte grafische Medium – seine harten Kontraste und groben Strukturen entsprachen dem expressiven Gestaltungswillen.
  • Themen: Großstadtszenen (Straßenbilder Kirchners), Akte in der Natur, Tanz und Vitalität.

2.3 Ernst Ludwig Kirchner (1880–1938)

Kirchner gilt als zentraler Vertreter der Brücke. Seine Berliner Straßenszenen (ab 1913) zeigen die Hektik, Anonymität und erotische Spannung der Großstadt. Die Figuren sind stilisiert, die Farbgebung künstlich, die Komposition dynamisch-diagonal. In der Bildanalyse ist besonders der Spannungskontrast zwischen spitzen, aggressiven Formen und der bedrängenden Enge des Bildraums hervorzuheben.

3. Der Blaue Reiter (1911–1914)

3.1 Gründung und Programm

Gegründet in München von Wassily Kandinsky und Franz Marc. Im Gegensatz zur Brücke war der Blaue Reiter keine feste Gruppe, sondern eher eine Redaktionsgemeinschaft, die einen Almanach herausgab. Ziel war eine geistige Erneuerung der Kunst durch die Synthese verschiedener Künste (Malerei, Musik, Dichtung).

3.2 Franz Marc (1880–1916)

Marc verband eine symbolische Farbsystematik mit Tierdarstellungen:

  • Blau = das Geistige, Männliche, Strenge
  • Gelb = das Weibliche, Sanfte, Heitere
  • Rot = das Materielle, Brutale, Schwere

In Werken wie Blaues Pferd I (1911) und Die großen blauen Pferde (1911) verschmelzen Tier und Landschaft zu einer rhythmischen, farbintensiven Einheit. Marcs spätere Werke nähern sich dem Kubismus und der Abstraktion.

3.3 Wassily Kandinsky (1866–1944)

Kandinsky vollzog als einer der Ersten den Schritt zur gegenstandslosen Malerei. In seiner Schrift Über das Geistige in der Kunst (1911) formulierte er die theoretischen Grundlagen: Farben und Formen haben eine eigene, von der Gegenstandswelt unabhängige Wirkung auf die Seele – vergleichbar mit Tönen in der Musik.

Kandinsky unterschied drei Werktypen: Impressionen (direkte Natureindrücke), Improvisationen (unbewusste innere Prozesse) und Kompositionen (durchkonstruierte Bildordnungen).

4. Bildgestaltung im Expressionismus – Zusammenfassung

GestaltungsmittelImpressionismusExpressionismus
FarbeNaturbeobachtung, LichtfarbeAusdrucksfarbe, autonom
FormAuflösung durch LichtDeformation, Vereinfachung
PinselstrichLocker, flüchtigHeftig, pastos, kantig
KompositionMomentaufnahmeBewusste Spannung, Dramatik
IntentionÄußerer EindruckInnerer Ausdruck

5. Klausurrelevanz: Bilderschließung

Bei der Analyse expressionistischer Werke sollte besonders auf folgende Aspekte eingegangen werden:

  • Farbwirkung: Welche Farben dominieren? Werden sie naturalistisch oder autonom eingesetzt? Welche Farbkontraste (nach Itten) lassen sich identifizieren?
  • Formensprache: Sind die Formen organisch oder kantig? Welche Wirkung hat die Deformation auf den Betrachter?
  • Komposition: Welche Spannungsverhältnisse erzeugen die Bildachsen? Gibt es eine zentrale Verdichtung oder eine Auflösung zum Bildrand hin?
  • Kontext: Welche biografischen, gesellschaftlichen oder kunsthistorischen Bezüge lassen sich herstellen?