Itten, Komplementärkontraste, Warm-Kalt, Farbpsychologie
Die Farblehre ist eines der zentralen Werkzeuge der Bildgestaltung und Bilderschließung. Sie beschreibt, wie Farben zueinander in Beziehung stehen und welche Wirkung sie auf den Betrachter ausüben. Für das Abitur im Fach Kunst ist vor allem die Farblehre von Johannes Itten (1888–1961) maßgeblich, der am Bauhaus lehrte und die sieben Farbkontraste systematisierte.
Ittens zwölfteiliger Farbkreis ordnet die Farben so an, dass sich gegenüberliegende Farben komplementär verhalten. Er dient als Grundlage für die Bestimmung von Farbkontrasten und Farbharmonien.
Entsteht durch das Nebeneinander reiner, ungebrochener Farben (z. B. Rot neben Blau neben Gelb). Er wirkt bunt, laut und kraftvoll. Beispiel: Werke von Piet Mondrian.
Der Unterschied zwischen hellen und dunklen Farbtönen. Er erzeugt Räumlichkeit, Plastizität und Dramatik. Extremform: Chiaroscuro (Caravaggio). Im Bild lenkt der Hell-Dunkel-Kontrast den Blick auf die hellste Stelle.
Beruht auf der Empfindung, dass Farben als warm (Rot, Orange, Gelb) oder kalt (Blau, Blaugrün) erlebt werden. Er erzeugt räumliche Tiefe (warme Farben treten vor, kalte treten zurück) und atmosphärische Stimmung. Grün und Magenta gelten als neutral bzw. ambivalent.
Entsteht durch Farben, die sich im Farbkreis gegenüberliegen: Rot/Grün, Blau/Orange, Gelb/Violett. Komplementärfarben steigern sich gegenseitig in ihrer Leuchtkraft. Bei Mischung ergeben sie ein neutrales Grau. Der Kontrast wirkt spannungsvoll und lebendig.
Ein physiologisches Phänomen: Das Auge erzeugt zu jeder wahrgenommenen Farbe automatisch die Komplementärfarbe. Ein neutrales Grau auf rotem Grund erscheint daher leicht grünlich. Der Simultankontrast beeinflusst die Farbwirkung im Bildkontext und muss bei der Bildanalyse berücksichtigt werden.
Bezeichnet den Gegensatz zwischen gesättigten (reinen, leuchtenden) und ungesättigten (getrübten, gebrochenen) Farben. Gebrochene Farben entstehen durch Beimischung von Grau, Schwarz, Weiß oder der Komplementärfarbe. Der Kontrast erzeugt Tiefe und atmosphärische Differenzierung.
Bezieht sich auf das Flächenverhältnis der Farben zueinander. Nach Goethe haben die Farben unterschiedliche Leuchtkraft: Gelb leuchtet stärker als Violett. Um ein harmonisches Gleichgewicht zu erzielen, muss die schwächer leuchtende Farbe eine größere Fläche einnehmen. Verhältnis nach Itten: Gelb:Orange:Rot:Violett:Blau:Grün = 3:4:6:9:8:6.
Bei der Bilderschließung sollte die Farbanalyse systematisch erfolgen:
Neben Itten sind für das Abitur relevant: Johann Wolfgang von Goethe (Zur Farbenlehre, 1810) mit seiner Betonung der sinnlichen Farbwirkung, Michel Eugène Chevreul mit dem Gesetz des Simultankontrasts (Einfluss auf den Neoimpressionismus) und Josef Albers (Interaction of Color, 1963) mit seinen systematischen Experimenten zur Relativität der Farbwahrnehmung.