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Kunst im Nationalsozialismus

Entartete Kunst, Propagandakunst, ideologische Instrumentalisierung

Ausstellung Entartete Kunst, München 1937

Ausstellung „Entartete Kunst“ (München, 1937)

Die NS-Propagandaausstellung diffamierte die künstlerische Avantgarde systematisch. Werke wurden absichtlich chaotisch gehängt und mit Schmähschriften versehen, um moderne Kunst als „entartet“ zu diskreditieren.

1. Kunst als Instrument der Ideologie

Das NS-Regime (1933–1945) instrumentalisierte die bildende Kunst in beispielloser Weise. Kunst sollte der Verherrlichung der „Volksgemeinschaft“, der Rassenideologie und des Führerkults dienen. Gleichzeitig wurde die gesamte künstlerische Avantgarde – Expressionismus, Dadaismus, Neue Sachlichkeit, Bauhaus, abstrakte Kunst – als „entartet“ diffamiert und verfolgt.

2. „Entartete Kunst“

2.1 Begriff und Strategie

Der aus der Psychiatrie entlehnte Begriff „entartet“ wurde genutzt, um moderne Kunst als Ausdruck von „Geisteskrankheit“, „Kulturbolschewismus“ und „jüdischer Zersetzung“ zu verunglimpfen. Ab 1937 wurden aus deutschen Museen über 20.000 Kunstwerke beschlagnahmt.

2.2 Die Ausstellung „Entartete Kunst“ (München, 1937)

In den Hofgarten-Arkaden wurden 650 beschlagnahmte Werke absichtlich in einer chaotischen, diffamierenden Präsentation gezeigt: schief gehängt, mit Schmähschriften versehen, neben Zeichnungen von Psychiatriepatienten platziert. Betroffen waren u. a.:

  • Ernst Ludwig Kirchner – Berufsverbot, Beschlagnahmung von über 600 Werken, Suizid 1938.
  • Emil Nolde – Trotz anfänglicher Sympathie für den Nationalsozialismus mit Malverbot belegt.
  • Max Beckmann – Emigration in die Niederlande, später USA.
  • Otto Dix – Entlassung als Professor, Beschlagnahmung seiner veristischen Kriegsdarstellungen.
  • Wassily Kandinsky, Paul Klee, Oskar Kokoschka – ebenfalls verfemt.

Paradoxerweise zog die Ausstellung über 2 Millionen Besucher an – deutlich mehr als die gleichzeitig eröffnete „Große Deutsche Kunstausstellung“.

2.3 Schicksal der Werke

Beschlagnahmte Werke wurden teilweise im Ausland verkauft (Devisenbeschaffung), teilweise vernichtet. Die sogenannte „Feuerwehraktion“ vom 20. März 1939 zerstörte in Berlin über 1.000 Gemälde und fast 4.000 Grafiken. Viele Werke gelten bis heute als verschollen.

3. Die Propagandakunst des NS-Regimes

3.1 Stilmerkmale

  • Heroischer Realismus: Naturalistisch-idealisierte Darstellung „arischer“ Körper, angelehnt an antike Vorbilder.
  • Neoklassizismus: Rückgriff auf griechisch-römische Formensprache in Architektur und Skulptur.
  • Idyllische Heimat: Blut-und-Boden-Malerei mit Bauern, Landschaften, bäuerlichem Brauchtum.
  • Führerkult: Monumentalporträts Hitlers in heroischer Pose.

3.2 Künstler des Regimes

Arno Breker (Bildhauer): Monumentale, überlebensgroße Aktfiguren für die Neue Reichskanzlei – idealisierte Körper als Ausdruck rassistischer Überlegenheitsphantasien. Adolf Ziegler (Maler): Präsident der Reichskammer der bildenden Künste, malte glatte Akte im neoklassizistischen Stil – sogenannter „Meister des deutschen Schamhaars“ (Spottname).

3.3 Architektur als Machtdemonstration

Albert Speer entwarf die megalomane Neugestaltung Berlins („Germania“-Plan) mit der geplanten „Großen Halle des Volkes“. Die Architektur nutzte Überdimensionierung, Achsensymmetrie und neoklassizistische Formen, um den Einzelnen zu überwältigen und Macht zu inszenieren. Speers „Lichtdome“ bei den Reichsparteitagen in Nürnberg verbanden Architektur und Inszenierung.

4. Verismus und seine Verfolgung

Die Neue Sachlichkeit und ihr radikaler Flügel, der Verismus (Otto Dix, George Grosz, Max Beckmann), hatte in der Weimarer Republik die gesellschaftlichen Missstände – Krieg, Armut, Prostitution, Kriegsversehrte – schonungslos dargestellt. Gerade diese Werke waren den Nationalsozialisten ein Dorn im Auge: Sie zeigten das Gegenteil des propagierten „gesunden Volkskörpers“.

5. Bildanalyse: NS-Kunst kritisch betrachten

Bei der Bilderschließung von Propagandakunst sollte besonders reflektiert werden:

  • Idealisierung: Welche Körperideale werden dargestellt? Welche Menschenbilder werden ausgeschlossen?
  • Komposition: Wie erzeugen Monumentalität, Symmetrie und Untersicht eine überwältigende Wirkung?
  • Propaganda vs. Kunst: Inwiefern dient das Werk der Manipulation? Wo endet Kunst, wo beginnt Propaganda?
  • Historische Verantwortung: Welche Rolle trägt Kunst bei der Legitimierung von Gewaltherrschaft?

6. Bedeutung für die Nachkriegskunst

Die Erfahrung der NS-Kunstpolitik prägte die Nachkriegskunst nachhaltig: Die documenta (seit 1955 in Kassel) wurde bewusst als Gegenposition zur „Entartete Kunst“-Ausstellung gegründet und rehabilitierte die Avantgarde. Die Frage, ob und wie Kunst politisch instrumentalisiert werden kann, bleibt ein zentrales Thema der Kunsttheorie.