Entartete Kunst, Propagandakunst, ideologische Instrumentalisierung
Die NS-Propagandaausstellung diffamierte die künstlerische Avantgarde systematisch. Werke wurden absichtlich chaotisch gehängt und mit Schmähschriften versehen, um moderne Kunst als „entartet“ zu diskreditieren.
Das NS-Regime (1933–1945) instrumentalisierte die bildende Kunst in beispielloser Weise. Kunst sollte der Verherrlichung der „Volksgemeinschaft“, der Rassenideologie und des Führerkults dienen. Gleichzeitig wurde die gesamte künstlerische Avantgarde – Expressionismus, Dadaismus, Neue Sachlichkeit, Bauhaus, abstrakte Kunst – als „entartet“ diffamiert und verfolgt.
Der aus der Psychiatrie entlehnte Begriff „entartet“ wurde genutzt, um moderne Kunst als Ausdruck von „Geisteskrankheit“, „Kulturbolschewismus“ und „jüdischer Zersetzung“ zu verunglimpfen. Ab 1937 wurden aus deutschen Museen über 20.000 Kunstwerke beschlagnahmt.
In den Hofgarten-Arkaden wurden 650 beschlagnahmte Werke absichtlich in einer chaotischen, diffamierenden Präsentation gezeigt: schief gehängt, mit Schmähschriften versehen, neben Zeichnungen von Psychiatriepatienten platziert. Betroffen waren u. a.:
Paradoxerweise zog die Ausstellung über 2 Millionen Besucher an – deutlich mehr als die gleichzeitig eröffnete „Große Deutsche Kunstausstellung“.
Beschlagnahmte Werke wurden teilweise im Ausland verkauft (Devisenbeschaffung), teilweise vernichtet. Die sogenannte „Feuerwehraktion“ vom 20. März 1939 zerstörte in Berlin über 1.000 Gemälde und fast 4.000 Grafiken. Viele Werke gelten bis heute als verschollen.
Arno Breker (Bildhauer): Monumentale, überlebensgroße Aktfiguren für die Neue Reichskanzlei – idealisierte Körper als Ausdruck rassistischer Überlegenheitsphantasien. Adolf Ziegler (Maler): Präsident der Reichskammer der bildenden Künste, malte glatte Akte im neoklassizistischen Stil – sogenannter „Meister des deutschen Schamhaars“ (Spottname).
Albert Speer entwarf die megalomane Neugestaltung Berlins („Germania“-Plan) mit der geplanten „Großen Halle des Volkes“. Die Architektur nutzte Überdimensionierung, Achsensymmetrie und neoklassizistische Formen, um den Einzelnen zu überwältigen und Macht zu inszenieren. Speers „Lichtdome“ bei den Reichsparteitagen in Nürnberg verbanden Architektur und Inszenierung.
Die Neue Sachlichkeit und ihr radikaler Flügel, der Verismus (Otto Dix, George Grosz, Max Beckmann), hatte in der Weimarer Republik die gesellschaftlichen Missstände – Krieg, Armut, Prostitution, Kriegsversehrte – schonungslos dargestellt. Gerade diese Werke waren den Nationalsozialisten ein Dorn im Auge: Sie zeigten das Gegenteil des propagierten „gesunden Volkskörpers“.
Bei der Bilderschließung von Propagandakunst sollte besonders reflektiert werden:
Die Erfahrung der NS-Kunstpolitik prägte die Nachkriegskunst nachhaltig: Die documenta (seit 1955 in Kassel) wurde bewusst als Gegenposition zur „Entartete Kunst“-Ausstellung gegründet und rehabilitierte die Avantgarde. Die Frage, ob und wie Kunst politisch instrumentalisiert werden kann, bleibt ein zentrales Thema der Kunsttheorie.