Fotografie als Kunst
Gursky, Sherman, Struth – Dokument und Inszenierung
1. Die Frage: Ist Fotografie Kunst?
Seit ihrer Erfindung im 19. Jahrhundert wurde die Fotografie als bloße mechanische Reproduktion der Wirklichkeit betrachtet und der „echten“ Kunst gegenübergestellt. Erst im 20. Jahrhundert setzte sich die Anerkennung der Fotografie als eigenständige Kunstform durch. Heute ist sie fester Bestandteil des Kunstmarkts und der Museen. Zentral für die abiturrelevante Auseinandersetzung ist die Frage nach der Grenze zwischen Dokument und Inszenierung.
2. Die Becher-Schule (Düsseldorfer Fotoschule)
Bernd und Hilla Becher (ab den 1960er-Jahren) fotografierten Industriebauten – Wassertuürme, Hochöfen, Fördertürme – in serieller, sachlich-dokumentarischer Weise: stets frontal, bei bedecktem Himmel, in Schwarz-Weiß. Durch die Reihung entstehen Typologien, die die formale Ästhetik industrieller Architektur sichtbar machen. Ihre Schüler an der Kunstakademie Düsseldorf führten diesen Ansatz weiter, überschritten aber die Grenze zur Inszenierung.
3. Andreas Gursky (*1955)
3.1 Werkmerkmale
- Monumentales Format: Gurskys Fotografien sind oft mehrere Meter groß und beanspruchen eine gemäldehafte Präsenz im Ausstellungsraum.
- Erhöhter Standpunkt: Typische Übersichten – Börsen, Supermarktregale, Konzerte, Flussufer – aufgenommen von einem hohen, distanzierten Standpunkt.
- Digitale Bearbeitung: Gursky nutzt digitale Nachbearbeitung, um Bilder zu verdichten, Elemente zu entfernen oder hinzuzufügen. Die Grenze zum Composing wird bewusst überschritten.
- All-over-Komposition: Die Bildoberfläche ist gleichmäßig mit Informationen gefüllt – es gibt kein Zentrum, sondern eine flächendeckende Struktur, die an abstrakte Malerei erinnert.
Sein Werk Rhein II (1999) wurde 2011 für 4,3 Millionen Dollar versteigert – zum damaligen Zeitpunkt das teuerste Foto der Welt.
3.2 Bildanalytische Aspekte
Gurskys Bilder thematisieren Globalisierung, Massengesellschaft und die Ästhetik der Wiederholung. Die Komposition zwischen dokumentarischem Anspruch und digitaler Manipulation wirft die Frage auf: Was zeigt die Fotografie – Realität oder eine konstruierte Überrealität?
4. Cindy Sherman (*1954)
4.1 Werkmerkmale
- Inszenierte Fotografie: Sherman fotografiert sich selbst in wechselnden Rollen, Kostümen und Masken. Sie ist Fotografin, Regisseurin und Modell in einer Person.
- Untitled Film Stills (1977–1980): 69 Schwarz-Weiß-Fotografien, in denen Sherman Frauenrollen aus Hollywood-B-Movies, Film noir und europäischem Autorenkino nachstellt. Die Bilder wirken wie Filmstills, verweisen aber auf keinen realen Film.
- Identität und Rolle: Shermans Werk kreist um die Konstruktion von Weiblichkeit, Identität und Stereotyp. Sie zeigt, dass Identität eine Performance ist.
4.2 Bilderschließung
Bei der Analyse ist besonders die Diskrepanz zwischen scheinbarer Dokumentation und bewusster Inszenierung zu untersuchen: Sherman spielt mit den Sehgewohnheiten des Betrachters und deckt gesellschaftliche Rollenbilder auf.
5. Thomas Struth (*1954)
5.1 Werkmerkmale
- Straßenfotografien: Frühe Schwarz-Weiß-Aufnahmen menschenleerer Straßen in Düsseldorf, New York, Tokio – architektonische Strukturen und urbane Identität.
- Museumsbilder: Besucher in großen Museen (Louvre, Prado) vor berühmten Gemälden – eine Reflexion über das Betrachten von Kunst selbst.
- Familienporträts: Sachliche, uninszenierte Gruppenbilder, die soziale Strukturen und Beziehungen sichtbar machen.
6. Die Debatte: Dokument oder Konstruktion?
Die zeitgenössische Kunstfotografie stellt grundlegende Fragen:
- Kann ein Foto jemals „objektiv“ sein, oder ist jede Aufnahme bereits durch Standpunkt, Ausschnitt und Moment eine Konstruktion?
- Wie verändert die digitale Bearbeitung den Wahrheitsanspruch der Fotografie?
- Wann wird ein Foto zum Kunstwerk – durch den Kontext (Museum/Galerie), das Format, die Intention des Künstlers?