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Plakat und Werbung – Geschichte

Toulouse-Lautrec, Sachplakat, Bauhaus-Typografie

1. Das Plakat als Medium

Das Plakat ist eine der ältesten Formen der visüllen Massenkommunikation. Es muss in kürzester Zeit eine Botschaft übermitteln – an Passanten, die es im Vorbeigehen erfassen. Daher gelten besondere Gestaltungsprinzipien: Fernwirkung, Prägnanz, Reduktion. Die Geschichte des Plakats ist eng mit der Entwicklung der Drucktechnik, insbesondere der Lithografie (Steindruck), verbunden.

2. Die Anfänge: Jules Chéret und das künstlerische Plakat

Jules Chéret (1836–1932) gilt als „Vater des modernen Plakats“. Ab den 1860er-Jahren entwickelte er in Paris die Farblithografie zu einem Medium für großformatige, farbintensive Werbeplakate. Seine heiteren, bewegten Fraünfiguren („Chérettes“) wurden zum Inbegriff der Pariser Belle Époque.

3. Henri de Toulouse-Lautrec (1864–1901)

Toulouse-Lautrec erhob das Plakat zur anerkannten Kunstform. Seine Plakate für das Moulin Rouge, den Divan Japonais und andere Pariser Vergnügungslokale zeichnen sich aus durch:

  • Flächige Farbgebung: Große, unmodulierte Farbflächen – beeinflusst von japanischen Holzschnitten.
  • Markante Konturen: Klare, dynamische Umrisslinien, die die Figuren prägnant hervorheben.
  • Integration von Schrift und Bild: Text ist nicht bloß Beiwerk, sondern Teil der Gesamtkomposition.
  • Charakterisierung: Trotz Vereinfachung sind die dargestellten Personen (La Goulue, Jane Avril, Aristide Bruant) sofort wiedererkennbar.

4. Jugendstil-Plakat (Art Nouveau, ca. 1890–1910)

Der Jugendstil verschmolz Kunst und Gebrauchsgrafik. Merkmale:

  • Organische, fließende Linien (Peitschenlinie, Pflanzenornamente)
  • Dekorative Flächigkeit: Verzicht auf Räumlichkeit zugunsten ornamentaler Gestaltung.
  • Gesamtkunstwerk: Schrift, Bild und Rahmen bilden eine untrennbare Einheit.

Wichtige Vertreter: Alfons Mucha (Plakatkunst für Sarah Bernhardt), Henry van de Velde, Peter Behrens (frühes Corporate Design für AEG).

5. Das Sachplakat (ab 1906)

Lucian Bernhard (1883–1972) revolutionierte die Plakatgestaltung mit dem Entwurf für Priester-Zündhölzer (1906): Nur das Produkt und der Markenname auf einfarbigem Hintergrund – radikal reduziert, maximal prägnant. Das Sachplakat (auch: Berliner Plakat) wurde zum Vorbild moderner Werbegrafik:

  • Reduktion auf das Wesentliche: Ein Gegenstand, ein Wort, eine Farbe.
  • Fernwirkung: Durch Einfachheit sofort erfassbar.
  • Markenidentität: Produkt und Name werden untrennbar verknüpft.

Weitere Vertreter: Ludwig Hohlwein (münchnerisch-dekorativ, stofflich-malerisch), Hans Rudi Erdt.

6. Bauhaus-Typografie und Neue Typografie (1920er-Jahre)

Am Bauhaus und in seinem Umfeld entstand eine radikal neue Plakatgestaltung:

  • Geometrische Grundformen: Kreis, Quadrat, Dreieck als Gestaltungselemente.
  • Asymmetrischer Satz: Abkehr vom symmetrischen Schriftsatz zugunsten dynamischer Anordnungen.
  • Grotesk-Schriften: Serifenlose Schriften (z. B. Futura von Paul Renner, 1927) als Ausdruck von Sachlichkeit und Modernität.
  • Fotografie statt Illustration: Integration von Fotografien und Fotomontagen (El Lissitzky, Jan Tschichold).
  • Farbreduktion: Oft nur Schwarz, Weiß und eine Akzentfarbe (Rot).

Jan Tschichold systematisierte die Prinzipien in seinem Buch Die neue Typographie (1928): Funktionalität, Klarheit und Asymmetrie als Grundprinzipien.

7. Plakat nach 1945

In der Nachkriegszeit entstanden neue Strömungen: die Schweizer Grafik (International Typographic Style) mit ihrem Raster-System und klaren Strukturen (Josef Müller-Brockmann), das polnische Filmplakat mit expressiver, surrealer Bildsprache und die Psychedelic Posters der 1960er-Jahre in den USA.

8. Bildanalyse von Plakaten (Klausurrelevanz)

Bei der Bilderschließung von Plakaten müssen zusätzlich kommunikationstheoretische Aspekte berücksichtigt werden:

  • Sender-Empfänger: Wer wirbt für was bei welcher Zielgruppe?
  • Blickführung: Wie lenkt die Komposition den Blick (Eye-Catcher, Leserichtung)?
  • Bild-Text-Verhältnis: Dominiert das Bild oder die Schrift? Wie wirken sie zusammen?
  • Stilmittel: Reduktion, Übertreibung, Humor, Provokation, Metapher?