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Bauhaus-Architektur

Gropius, Dessau – form follows function, Einheit von Kunst und Handwerk

Bauhaus-Gebäude Dessau, Walter Gropius, 1925-26

Bauhaus Dessau – Walter Gropius (1925/26)

Das Bauhaus-Gebäude in Dessau gilt als Ikone der modernen Architektur. Die Glasvorhangfassade, die asymmetrische Komposition und die funktionale Gliederung verkörpern den Grundsatz „form follows function“.

1. Das Bauhaus: Überblick

Das Staatliche Bauhaus wurde 1919 von Walter Gropius (1883–1969) in Weimar gegründet. Es war eine revolutionäre Kunsthochschule, die Kunst, Handwerk und Industrie zu einer Einheit zusammenführen wollte. Das Ziel: Gestaltung für alle Lebensbereiche – vom Stuhl über die Lampe bis zum Gebäude – funktional, ästhetisch und industriell produzierbar. Das Bauhaus durchlief drei Phasen:

  • Weimar (1919–1925): Expressionistische Anfänge, Handwerksorientierung, Vorkurs (Itten).
  • Dessau (1925–1932): Blütezeit, Hinwendung zur Industrie, ikonische Architektur.
  • Berlin (1932–1933): Unter Mies van der Rohe, Schließung durch die Nationalsozialisten.

2. Architekturprinzipien des Bauhauses

2.1 „Form follows function“

Dieser Grundsatz, ursprünglich vom amerikanischen Architekten Louis Sullivan formuliert, wurde zum Leitmotiv des Bauhauses: Die Form eines Objekts oder Gebäudes soll sich aus seiner Funktion ergeben – nicht aus dekorativen Überlegungen. Ornament wird als überflüssig betrachtet (vgl. Adolf Loos: „Ornament und Verbrechen“, 1908).

2.2 Materialehrlichkeit

Materialien werden nicht verkleidet oder imitiert, sondern zeigen ihre eigene Ästhetik: Sichtbeton, Stahl, Glas. Die Konstruktion wird zum Gestaltungselement.

2.3 Geometrische Klarheit

Rechte Winkel, kubische Formen, Flachdächer und glatte Fassaden prägen die Bauhaus-Architektur. Ornamente und historisierende Formen werden konsequent vermieden.

2.4 Licht und Transparenz

Großflächige Glasfassaden (Curtain Walls) verbinden Innen und Außen, lassen Licht einströmen und machen die innere Struktur des Gebäudes von außen sichtbar.

3. Schlüsselbauten

3.1 Bauhaus-Gebäude Dessau (1925–1926)

Entworfen von Walter Gropius – das Manifest gebauter Bauhaus-Ideologie:

  • Asymmetrische Gesamtanlage: Drei ineinandergreifende Baukörper (Werkstätten, Ateliers, Schule) statt eines symmetrischen Hauptbaus.
  • Vorhangfassade: Die berühmte Glas-Curtain-Wall des Werkstättentrakts – eine durchgehende Glasfläche, die die Trennung von tragender Struktur und Hülle sichtbar macht.
  • Brückenbau: Ein über die Straße führender Verbindungstrakt demonstriert die freie Kombination der Baukörper.
  • Farbkonzept: Wandfarben nach dem Farbsystem der Bauhaus-Werkstätten.

3.2 Meisterhäuser Dessau (1925–1926)

Wohnhäuser für die Bauhaus-Meister (Kandinsky, Klee, Moholy-Nagy u. a.): kubische Formen, Flachdächer, farbige Wände, große Fenster – ein Laboratorium des modernen Wohnens.

3.3 Siedlung Törten, Dessau (1926–1928)

Sozialer Wohnungsbau: standardisierte, industriell vorgefertigte Bauteile für kostengünstiges Wohnen – Architektur als soziale Aufgabe.

4. Protagonisten der Bauhaus-Architektur

  • Walter Gropius: Gründer und erster Direktor. Nach der Emigration (1934) lehrte er an der Harvard University und prägte die amerikanische Architekturausbildung.
  • Ludwig Mies van der Rohe (1886–1969): Dritter und letzter Bauhaus-Direktor. Sein Motto „Less is more“ wurde zum Inbegriff der Moderne. Schlüsselwerke: Barcelona-Pavillon (1929), Seagram Building (New York, 1958).
  • Marcel Breuer (1902–1981): Leiter der Möbelwerkstatt, Erfinder des Stahlrohrmöbels (Wassily-Stuhl). Später bedeutender Architekt (UNESCO-Hauptquartier, Paris).
  • Hannes Meyer (1889–1954): Zweiter Bauhaus-Direktor, betonte die soziale und wissenschaftliche Ausrichtung der Architektur.

5. Das Bauhaus-Erbe

Das Bauhaus wurde 1933 geschlossen, seine Wirkung entfaltete sich aber weltweit: Durch die Emigration der Meister in die USA, nach Israel (Weiße Stadt Tel Aviv) und andere Länder verbreiteten sich die Gestaltungsprinzipien global. Das Bauhaus Dessau und die Weiße Stadt Tel Aviv sind UNESCO-Weltkulturerbe.

6. Architekturanalyse (Klausurrelevanz)

Bei der Bilderschließung von Architektur sind folgende Aspekte zu berücksichtigen:

  • Baukörper: Form, Proportion, Gliederung, Volumen.
  • Fassade: Materialität, Öffnungen, Rhythmus, Transparenz/Geschlossenheit.
  • Grundriss: Raumorganisation, Erschließung, Funktionszuordnung.
  • Konstruktion: Tragsystem, Material, Sichtbarkeit der Konstruktion.
  • Kontext: Städtebauliche Einbindung, historischer Bezug, gesellschaftliche Funktion.