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Nachhaltiges Bauen

Grüne Architektur, Passivhaus, Cradle to Cradle

1. Warum nachhaltiges Bauen?

Der Bausektor ist für rund 40 % des weltweiten Energieverbrauchs und etwa 36 % der CO₂-Emissionen verantwortlich. Nachhaltiges Bauen – auch Green Building genannt – zielt darauf ab, Gebäude so zu planen, zu errichten und zu betreiben, dass sie über ihren gesamten Lebenszyklus möglichst geringe ökologische, soziale und ökonomische Auswirkungen haben.

2. Prinzipien nachhaltiger Architektur

2.1 Energieeffizienz

  • Passivhaus-Standard: Entwickelt von Wolfgang Feist (Darmstadt, 1991). Ein Passivhaus benötigt maximal 15 kWh/(m²·a) Heizenergie – bis zu 90 % weniger als ein konventioneller Neubau. Erreicht wird dies durch hervorragende Dämmung, dreifach verglaste Fenster, Luft dichtheit und eine kontrollierte Wohnraumlüftung mit Wärmerückgewinnung.
  • Plusenergiehaus: Erzeugt über das Jahr mehr Energie, als es verbraucht – durch Photovoltaik, Solarthermie und Geothermie.
  • Passive Solarnutzung: Ausrichtung und Fenstergrößen werden so geplant, dass Sonnenlicht im Winter zur Wärmegewinnung und im Sommer zur Belichtung genutzt wird.

2.2 Materialwahl

  • Nachwachsende Rohstoffe: Holz, Lehm, Stroh, Hanf – Materialien mit geringer grauer Energie (Energie für Herstellung und Transport).
  • Recycling-Baustoffe: Wiederverwendung von Beton, Stahl, Ziegeln aus Rückbau.
  • Vermeidung von Schadstoffen: Keine Lösungsmittel, Formaldehyd oder Biozide – gesundes Raumklima.

2.3 Cradle to Cradle (C2C)

Das Konzept von Michael Braungart und William McDonough (2002) fordert, dass alle Materialien eines Gebäudes am Ende ihres Lebenszyklus entweder als biologische Nährstoffe in den Naturkreislauf oder als technische Nährstoffe in den Produktionskreislauf zurückgeführt werden können. Ziel: Null Abfall.

3. Gestaltungsstrategien

3.1 Grüne Fassaden und Dächer

Begrünte Fassaden und Dächer verbessern die Wärmedämmung, filtern Schadstoffe, speichern Regenwasser und schaffen Lebensräume für Insekten. Beispiel: Bosco Verticale (Mailand, Stefano Boeri, 2014) – zwei Wohntürme mit über 900 Bäumen auf den Balkonen.

3.2 Tageslichtplanung

Optimierung der natürlichen Belichtung reduziert den Energiebedarf für künstliche Beleuchtung. Lichtlenksysteme, Atrien und Oberlichtöffnungen bringen Tageslicht auch in tiefe Grundrisse.

3.3 Wasser- und Ressourcenmanagement

Regenwassernutzung, Grauwasserrecycling und wassersparende Installationen reduzieren den Trinkwasserverbrauch.

4. Zertifizierungssysteme

SystemHerkunftSchwerpunkte
DGNBDeutschlandÖkologische, ökonomische, soziokulturelle Qualität
LEEDUSAEnergie, Wasser, Materialien, Innenraumqualität
BREEAMGroßbritannienUmweltleistung, Management, Gesundheit

5. Vorbilder nachhaltiger Architektur

  • Renzo Piano: California Academy of Sciences (San Francisco, 2008) – begrüntes, wellenförmiges Dach, das die lokale Biodiversität fördert.
  • Bjarke Ingels Group (BIG): CopenHill (Kopenhagen, 2019) – eine Müllverbrennungsanlage, deren Dach als Skipiste und Kletterwand dient – Infrastruktur als öffentlicher Raum.
  • Shigeru Ban: Einsatz von Papierröhren und recycelten Materialien für Notunterkünfte und Museumsbauten.

6. Nachhaltigkeit als Gestaltungsaufgabe (Klausurrelevanz)

Bei der Bilderschließung nachhaltiger Architektur:

  • Ästhetik: Wie wird Nachhaltigkeit sichtbar gemacht? Ist sie Teil der Gestaltung oder bleibt sie unsichtbar?
  • Material: Welche Materialien werden eingesetzt? Welche ästhetische und ökologische Wirkung haben sie?
  • Kontext: Wie reagiert das Gebäude auf Klima, Topografie und Umgebung?
  • Ethik: Welche Verantwortung trägt Architektur gegenüber Umwelt und Gesellschaft?