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Stadtplanung und Urbanismus

Gartenstadt, Charta von Athen, New Urbanism

1. Stadtplanung als Gestaltungsaufgabe

Stadtplanung (Urbanistik) beschäftigt sich mit der räumlichen Ordnung und Gestaltung von Siedlungen. Sie verbindet Architektur, Soziologie, Verkehrsplanung und Ökologie. Für das Fach Kunst ist Stadtplanung relevant, weil sie die Frage stellt: Wie soll der Lebensraum des Menschen gestaltet sein? Welche Werte, Ideale und Machtstrukturen spiegeln sich in der räumlichen Ordnung einer Stadt wider?

2. Die Gartenstadt (um 1900)

2.1 Ebenezer Howard (1850–1928)

Howard entwarf 1898 in seinem Buch To-Morrow: A Peaceful Path to Real Reform das Konzept der Gartenstadt: eine selbstständige Kleinstadt im Grünen, die die Vorzüge von Stadt (Arbeitsplätze, Kultur, Infrastruktur) und Land (Natur, Ruhe, frische Luft) vereinen sollte.

  • Radiale Struktur: Konzentrischer Aufbau mit zentralem Park, umgeben von öffentlichen Gebäuden, Wohnhäusern, Grüngürteln und Industrie am Rand.
  • Begrenztes Wachstum: Max. 32.000 Einwohner – bei Überschreitung wird eine neue Gartenstadt gegründet.
  • Gemeinschaftliches Eigentum: Der Boden gehört der Gemeinschaft, nicht Privatpersonen.

Verwirklicht in Letchworth (1903) und Welwyn Garden City (1920) in England. In Deutschland: Hellerau bei Dresden (1909).

3. Die Charta von Athen (1933)

Auf dem IV. Kongress der CIAM (Congrès Internationaux d’Architecture Moderne) formulierte Le Corbusier die Charta von Athen – das einflussreichste und zugleich umstrittenste Dokument der modernen Stadtplanung.

3.1 Kernprinzipien

  • Funktionstrennung: Die Stadt wird in vier Funktionen gegliedert – Wohnen, Arbeiten, Erholen, Verkehr. Jede Funktion erhält einen eigenen Bereich.
  • Hochhäuser im Grünen: Verdichteter Wohnungsbau in Hochhäusern, umgeben von Grünflächen, Licht und Luft.
  • Autogerechte Stadt: Strikte Trennung von Fußgänger- und Autoverkehr, breite Schnellstraßen.

3.2 Le Corbusiers Stadtvisionen

Ville Radieuse (Strahlende Stadt, 1930): Eine ideale Stadt aus kreuzförmigen Hochhäusern auf freiem Gelände – rigoros geometrisch, mit strikter Funktionstrennung. Plan Voisin (1925): Entwurf zur Zerstörung des historischen Pariser Stadtzentrums zugunsten gleichförmiger Hochhaustürme – nie verwirklicht, aber symptomatisch für den Größenwahn der Moderne.

3.3 Kritik

Die Umsetzung der Charta führte in der Nachkriegszeit weltweit zu monotonen Großsiedlungen (Banlieues, Plattenbausiedlungen), in denen die funktionsgetrennte, autogerechte Stadt zu sozialer Isolation, Verödung öffentlicher Räume und Anonymität führte.

4. Jane Jacobs und die Kritik der Moderne

Jane Jacobs (1916–2006) veröffentlichte 1961 The Death and Life of Great American Cities – eine fundamentale Kritik an der modernen Stadtplanung. Ihre zentralen Thesen:

  • Nutzungsmischung: Lebendige Stadtviertel brauchen eine Vielfalt von Funktionen (Wohnen, Arbeiten, Einkaufen, Freizeit) auf engem Raum.
  • Kurze Straßenblöcke: Kleine Parzellen und viele Kreuzungen fördern Begegnung und Bewegung.
  • „Eyes on the street“: Soziale Kontrolle durch Präsenz – belebte Straßen sind sichere Straßen.
  • Gewachsene Strukturen: Historische Vielfalt ist wertvoller als geplante Einförmigkeit.

5. New Urbanism (seit den 1980er-Jahren)

Der New Urbanism greift Jacobs’ Ideen auf und formuliert Prinzipien für eine menschenfreundliche, nachhaltige Stadtentwicklung:

  • Kompakte, gemischte Nutzung: Wohnen, Arbeiten, Geschäfte und öffentliche Einrichtungen in fußläufiger Entfernung.
  • Fußgängerfreundlichkeit: Schmale Straßen, Gehwege, Radwege – das Auto ist nicht mehr die leitende Planungsgröße.
  • Öffentlicher Raum: Plätze, Parks und Treffpunkte als soziale Zentren.
  • Architektonische Vielfalt: Unterschiedliche Gebäude-typologien statt monotoner Wiederholung.
  • Historische Bezüge: Respekt vor regionalen Bautraditionen und Materialien.

6. Aktülle Entwicklungen

  • 15-Minuten-Stadt (Carlos Moreno): Alle wichtigen Funktionen (Arbeit, Einkauf, Bildung, Freizeit, Gesundheit) sollen innerhalb von 15 Minuten zu Fuß oder per Rad erreichbar sein.
  • Smart City: Digitale Technologien für effiziente Infrastruktur (Verkehr, Energie, Verwaltung) – aber auch Datenschutzfragen.
  • Schwammstadt: Städte, die Regenwasser aufnehmen und speichern statt ableiten – als Antwort auf den Klimawandel.

7. Bilderschließung in der Stadtplanung (Klausurrelevanz)

Bei der Analyse von Stadtplanungskonzepten:

  • Struktur: Wie ist die Stadt räumlich organisiert (Raster, radial, organisch)?
  • Funktionen: Sind Funktionen gemischt oder getrennt?
  • Menschenbild: Für welchen „Idealbürger“ wird geplant?
  • Ideologie: Welche gesellschaftlichen Werte und Machtstrukturen spiegeln sich im Entwurf wider?