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Stadtmodelle

Das Ringmodell nach Burgess (1925)

Der Soziologe Ernest W. Burgess entwickelte 1925 an der Universität Chicago das Ringmodell (Concentric Zone Model). Es beschreibt die sozialräumliche Gliederung einer Stadt in konzentrischen Ringen, die vom Zentrum nach außen zunehmend höherwertige Wohngebiete aufweisen:

1. Central Business District (CBD): Geschäftszentrum mit Büros, Einzelhandel, Kultureinrichtungen. Hohe Bodenpreise, wenig Wohnnutzung.
2. Transition Zone (Übergangszone): Gemischte Nutzung, verfallende Altbausubstanz, Industrie, Migranten-Erstansiedlung. Sozial instabil.
3. Working-Class Zone: Einfache Arbeiterwohnviertel, städtisch geprägt.
4. Residential Zone: Mittelschicht-Wohngebiete, Ein- und Zweifamilienhäuser.
5. Commuter Zone: Suburban, wohlhabend, tägliches Pendeln zum CBD.

Burgess erklärte die Ringstruktur durch Invasion und Sukzession: Neue Zuwanderer (Migranten, Arbeitssuchende) siedeln sich zunächst in der billigen Übergangszone an. Steigt ihr Einkommen, ziehen sie weiter nach außen und „verdrängen“ dort die vorherige Bevölkerung, die wiederum in den nächsten Ring ausweicht.

Das Sektorenmodell nach Hoyt (1939)

Homer Hoyt modifizierte 1939 das Burgess-Modell aufgrund empirischer Mietdaten aus 142 US-Städten. Er stellte fest, dass sich gleichartige Nutzungen nicht ringförmig, sondern sektorenförmig entlang von Verkehrsachsen (Ausfallstraßen, Bahnlinien) ausbreiten.

Kernaussagen:

Hochpreisige Wohngebiete entwickeln sich in einem bestimmten Sektor (z. B. entlang einer Villenstraße) und dehnen sich in diesem Sektor nach außen aus.
Industriegebiete folgen Verkehrslinien (Eisenbahn, Kanal, Autobahn).
Niedrigpreis-Wohngebiete liegen gegenüber den Hochpreis-Sektoren, oft in der Nähe von Industrie.
• Die Sektoren entstehen durch Agglomerationseffekte: Gleichartige Nutzungen ziehen sich gegenseitig an.

Das Mehrkernmodell nach Harris und Ullman (1945)

Chauncy Harris und Edward Ullman erkannten 1945, dass moderne Städte nicht ein einzelnes Zentrum haben, sondern mehrere Kerne (Multiple Nuclei), um die sich verschiedene Nutzungen gruppieren.

Die Mehrkernbildung erklären sie durch vier Prinzipien:

1. Bestimmte Aktivitäten benötigen spezialisierte Standorte (Hafen braucht Wasser, Flughafen braucht Fläche).
2. Ähnliche Nutzungen profitieren von Nähe zueinander (Agglomeration: Einzelhandelscluster).
3. Unverträgliche Nutzungen stoßen sich ab (Schwerindustrie und Luxuswohnen).
4. Manche Nutzungen können sich die hohen Bodenpreise der besten Standorte nicht leisten.

Das Modell beschreibt die Realität moderner polyzentrische Städte am besten: Frankfurt hat neben dem CBD (Bankenviertel) weitere Kerne wie das Messegelände, den Flughafen, das Nordend (Wohnen) und Fechenheim (Industrie).

Kritische Würdigung und Anwendung

Alle drei Modelle sind Idealisierungen, die die Realität vereinfachen. Sie wurden für nordamerikanische Städte des frühen 20. Jahrhunderts entwickelt und sind nur eingeschränkt auf europäische, asiatische oder afrikanische Städte übertragbar.

Stärken: Sie bieten ein Grundgerüst zur Analyse der räumlichen Gliederung einer Stadt und helfen, Muster der Bodenpreise, sozialen Differenzierung und funktionalen Gliederung zu verstehen.

Schwächen: Sie berücksichtigen nicht die historische Altstadt (europäische Städte), informelle Siedlungen (Städte des Globalen Südens), staatliche Planung oder den Einfluss von Globalisierung und Digitalisierung auf die Stadtstruktur.

Zusammenfassung:

• Burgess (1925): Konzentrische Ringe, CBD im Zentrum, Invasion/Sukzession
• Hoyt (1939): Sektoren entlang von Verkehrsachsen
• Harris/Ullman (1945): Mehrere Kerne mit spezialisierten Funktionen
• Alle drei für US-Städte entwickelt; begrenzte Übertragbarkeit

Abitur-Tipp: Im Abitur wird oft verlangt, eines der Stadtmodelle auf eine konkrete Stadt anzuwenden oder die Modelle zu vergleichen. Zeichne alle drei Modelle skizzenhaft und übe die Zuordnung realer Stadtteile.