Schrumpfende Städte (Shrinking Cities) sind Städte, die über einen längeren Zeitraum signifikanten Bevölkerungsrückgang erfahren. Weltweit schrumpfen schätzungsweise ein Viertel aller Großstädte. In Deutschland sind vor allem Städte in Ostdeutschland und im Ruhrgebiet betroffen.
Die Ursachen sind vielschichtig:
• Deindustrialisierung: Zusammenbruch der DDR-Industrie nach 1990 (Halle, Chemnitz, Cottbus); Niedergang der Montanindustrie im Ruhrgebiet (Gelsenkirchen, Duisburg, Bochum)
• Abwanderung: Junge, gut ausgebildete Menschen ziehen in prosperierende Regionen (Brain Drain)
• Demographischer Wandel: Niedrige Geburtenrate, Überalterung, natürlicher Bevölkerungsrückgang
• Suburbanisierung: Umzug ins Umland, Kernstadt verliert Einwohner
Halle (Saale) verlor zwischen 1990 und 2010 fast 100.000 Einwohner (von 310.000 auf 230.000), hat sich seitdem aber durch die Universität und Zuwanderung leicht erholt.
Schrumpfung führt zu einem Teufelskreis:
• Wohnungsleerstand: In ostdeutschen Städten standen nach 2000 bis zu 20 % der Wohnungen leer. Leerstehende Gebäude verfallen, senken den Immobilienwert und machen das Viertel unattraktiv.
• Infrastrukturüberhang: Schulen, Schwimmbäder und Krankenhäuser wurden für eine größere Bevölkerung gebaut. Weniger Nutzer bei gleichen Fixkosten führen zu Unterauslastung und steigenden Pro-Kopf-Kosten.
• Sinkende Steuereinnahmen: Weniger Einwohner und Unternehmen → weniger Einkommen- und Gewerbesteuer → weniger Investitionen → weitere Abwanderung.
• Überalterung: Zurückbleibende Bevölkerung ist überdurchschnittlich alt → steigende Sozialausgaben, sinkende Innovationskraft.
Die Bundesregierung reagierte mit dem Programm „Stadtumbau Ost“ (2002–2019) und später „Stadtumbau West“. Kernmaßnahme war der Rückbau (Abriss) von leerstehenden Plattenbauten: Bis 2016 wurden über 300.000 Wohnungen in Ostdeutschland abgerissen, um den Wohnungsmarkt zu stabilisieren.
Seit 2020 ist das Programm in das Städtebauförderungsprogramm „Wachstum und nachhaltige Erneuerung“ übergegangen. Es umfasst:
• Selektiver Rückbau: Abriss am Stadtrand, Stabilisierung der Innenstadt („Außen abbauen, Innen aufwerten“)
• Zwischennutzung: Leere Flächen temporär als Gärten, Kunst- oder Spielflächen nutzen
• Aufwertung von Altbauquartieren: Historische Stadtkerne (z. B. Görlitz, Wismar) als Wohn- und Tourismusstandorte stärken
• Ansiedelungspolitik: Behörden und Hochschulen gezielt in schrumpfenden Städten ansiedeln
Schrumpfung wird zunehmend nicht nur als Problem, sondern auch als Chance begriffen:
• Mehr Grün: Freigewordene Flächen können begrünt werden und die Lebensqualität erhöhen.
• Bezahlbares Wohnen: Niedrige Mieten und Kaufpreise als Standortvorteil für Start-ups und Kreative (Beispiel: Leipzig als „Hypezig“).
• Experimentierfeld: In schrumpfenden Städten können neue Ansätze (Urban Gardening, Tiny Houses, genossenschaftliches Wohnen) leichter erprobt werden.
• Perforation: Bewusste Auflösung der geschlossenen Stadtstruktur zugunsten einer „durchgrünten“ Stadt.
Zusammenfassung:
• Ursachen: Deindustrialisierung, Abwanderung, demographischer Wandel, Suburbanisierung
• Folgen: Leerstand, Infrastrukturüberhang, sinkende Steuereinnahmen, Überalterung
• Stadtumbau Ost: über 300.000 Wohnungen abgerissen; „außen abbauen, innen aufwerten“
• Chancen: Grünflächen, bezahlbares Wohnen, Experimentierräume
Abitur-Tipp: Schrumpfende Städte werden oft als Raumanalyse eines konkreten Beispiels (Halle, Gelsenkirchen) geprüft. Beschreibe den Teufelskreis und benenne konkrete Maßnahmen des Stadtumbaus.