In der Geographie werden zwei verwandte Begriffe unterschieden: Urbanisierung im engeren Sinne bezeichnet den Anstieg des Anteils der städtischen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung (quantitativ). Verstädterung meint dagegen die flächenhafte Ausdehnung städtischer Siedlungen und die Ausbreitung städtischer Lebensweisen (qualitativ).
In Entwicklungsländern verläuft die Urbanisierung fundamental anders als in den historischen Industrieländern: Während die Urbanisierung Europas im 19. Jahrhundert eng mit der Industrialisierung verbunden war (Arbeitskräftebedarf in den Fabriken), findet in vielen Entwicklungsländern eine Urbanisierung ohne Industrialisierung statt. Die Städte wachsen, ohne dass entsprechend viele formelle Arbeitsplätze entstehen.
Over-Urbanization (Überurbanisierung) bezeichnet eine Situation, in der das Stadtwachstum die wirtschaftliche Aufnahmefähigkeit übersteigt. Die Stadt kann den Zuwanderern keine formellen Arbeitsplätze, keinen Wohnraum und keine Infrastruktur bieten. Die Folge ist ein aufgeblähter informeller Sektor.
Der informelle Sektor umfasst wirtschaftliche Aktivitäten außerhalb der offiziellen Wirtschaft: Straßenhandel, Schuhputzen, Sammeln von Wertstoffen, Heimarbeit, informelle Transportdienste. In Subsahara-Afrika arbeiten über 85 % der städtischen Erwerbstätigen im informellen Sektor, in Südasien rund 70 %.
Pseudourbanisierung (nach Gugler) beschreibt den Fall, dass die Zunahme der städtischen Bevölkerung nicht mit einer Verbesserung der städtischen Infrastruktur und Lebensqualität einhergeht – die Stadt wächst räumlich, ohne „urban“ zu werden.
Das Stadtwachstum in Entwicklungsländern hat zwei Hauptquellen:
• Land-Stadt-Wanderung (Landflucht): Push-Pull-Mechanismus (vgl. Favela-Syndrom). Besonders intensiv in frühen Urbanisierungsphasen.
• Natürliches Bevölkerungswachstum: Hohe Geburtenrate in den Städten selbst. In vielen afrikanischen Städten ist das natürliche Wachstum mittlerweile der größere Faktor als die Zuwanderung.
Hinzu kommt die Reklassifizierung: Ehemals ländliche Gebiete werden durch Eingemeindung oder Änderung der Stadtdefinition zu städtischen Gebieten – die Bevölkerung wächst „auf dem Papier“, ohne dass Menschen gewandert sind.
Zur Steuerung der Urbanisierung werden verschiedene Ansätze verfolgt:
• Dezentralisierung: Förderung von Sekundärstädten, um die Primatstadt zu entlasten (z. B. Indonesien: Verlagerung der Hauptstadt von Jakarta nach Nusantara).
• Ländliche Entwicklung: Verbesserung von Infrastruktur, Bildung und Beschäftigung auf dem Land → Push-Faktoren reduzieren.
• Slum Upgrading: Bestehende informelle Siedlungen schrittweise verbessern statt abreißen.
• Formalisierung des informellen Sektors: Registrierung, Mikrofinanzierung, Sozialversicherung für informell Beschäftigte.
• New Towns: Planung völlig neuer Städte (Eko Atlantic in Lagos, Forest City in Malaysia) – allerdings oft als Elite-Projekte kritisiert, die die Armutsproblematik ignorieren.
Zusammenfassung:
• Urbanisierung in EL: oft ohne Industrialisierung; Over-Urbanization
• Informeller Sektor: 70–85 % der städtischen Beschäftigung in Afrika/Südasien
• Stadtwachstum durch Landflucht + natürliches Bevölkerungswachstum
• Strategien: Dezentralisierung, ländliche Entwicklung, Slum Upgrading, Formalisierung
Abitur-Tipp: Unterscheide sicher zwischen Urbanisierung (Anteil steigt) und Verstädterung (Fläche dehnt sich aus). Erkläre, warum Urbanisierung in Entwicklungsländern anders verläuft als in der historischen Industrialisierung Europas.