Um die ungleiche räumliche Entwicklung zu erklären, entwickelten die Ökonomen Albert O. Hirschman (1958) und Gunnar Myrdal (1957) theoretische Modelle, die auf zirkulärer Verursachung basieren.
Myrdals Modell: Einmal etablierte regionale Unterschiede verstärken sich selbst durch kumulative Prozesse. Ein Wachstumszentrum zieht Kapital, Arbeitskräfte und Innovation an (Entzugseffekte/Backwash Effects), während die Peripherie verarmt. Gleichzeitig gibt es Ausbreitungseffekte (Spread Effects): Nachfrage des Zentrums nach Rohstoffen und Lebensmitteln aus der Peripherie, Technologietransfer, Rücküberweisungen von Migranten.
Hirschman argumentierte optimistischer: Die positiven Trickle-Down-Effekte würden langfristig die negativen Polarisationseffekte überwiegen. Myrdal war pessimistischer und sah staatliche Eingriffe als notwendig an, um den Teufelskreis zu durchbrechen.
Der Ökonom Harry W. Richardson formulierte 1980 die These der Polarisationsumkehr (Polarization Reversal): Ab einem bestimmten Entwicklungsstand kehrt sich das Verhältnis zwischen Zentrum und Peripherie um. Die Peripherie wächst dann schneller als das Zentrum.
Ursachen der Polarisationsumkehr:
• Agglomerationsnachteile im Zentrum: Steigende Grundstückspreise, Verkehrsstaus, Umweltverschmutzung, Kriminalität machen das Zentrum unattraktiv für Unternehmen.
• Dezentralisierung von Industrie: Unternehmen verlagern Produktion in die Peripherie, wo Arbeitskräfte billiger und Flächen verfügbar sind.
• Infrastrukturausbau: Straßen, Telekommunikation und Strom erreichen die Peripherie.
• Staatliche Förderpolitik: Sonderwirtschaftszonen, Steuervergünstigungen, dezentrale Industrieparks.
Richardson postulierte, dass die Polarisationsumkehr ab einem Pro-Kopf-Einkommen von ca. 2.000–3.000 US-Dollar (in 1980er-Dollar) einsetzt.
Südostasien bietet Beispiele für Ansätze der Polarisationsumkehr:
• Thailand: Jahrzehntelang konzentrierte sich die wirtschaftliche Aktivität fast ausschließlich auf Bangkok (Primacy Ratio: Bangkok ist 40-mal größer als die zweitgrößte Stadt). Seit den 1990er Jahren verlagert sich Industrie zunehmend in den Eastern Seaboard (Provinzen Chonburi, Rayong) und ins Umland.
• China: Die extreme Konzentration an der Ostküste (Perlflussdelta, Yangtse-Delta, Peking-Tianjin) wird durch die „Go West“-Strategie (seit 2000) und die Belt-and-Road-Initiative ergänzt, die Infrastruktur in den Westen und ins Landesinnere bringen soll.
• Indonesien: Die geplante Verlegung der Hauptstadt von Jakarta nach Nusantara auf Borneo ist ein radikaler Versuch, die extreme Konzentration auf Java zu durchbrechen.
Die These der Polarisationsumkehr wird kritisch diskutiert:
• In vielen Entwicklungsländern ist die Polarisation noch nicht umgekehrt – die Primatstädte wachsen weiter schneller als das Umland.
• Die Dezentralisierung der Produktion bedeutet nicht automatisch Dezentralisierung von Macht und Entscheidung – Headquarter-Funktionen bleiben oft im Zentrum.
• Globalisierung kann die Polarisation verstärken: Global Cities profitieren überproportional von der Weltwirtschaft.
• Die Schwellenwerte (Pro-Kopf-Einkommen) sind nicht universell gültig – institutionelle und politische Faktoren spielen eine entscheidende Rolle.
Zusammenfassung:
• Myrdal: Backwash vs. Spread Effects; kumulative Verursachung
• Richardson: Polarisationsumkehr ab bestimmtem Entwicklungsstand
• Ursachen: Agglomerationsnachteile, Dezentralisierung, Infrastruktur, staatliche Politik
• Beispiele: Thailand, China („Go West“), Indonesien (neue Hauptstadt Nusantara)
• Kritik: Nicht universell, Macht bleibt im Zentrum, Globalisierung kann Polarisation verstärken
Abitur-Tipp: Die Polarisationstheorie verbindet Raumentwicklung mit Entwicklungstheorien. Typische Aufgabe: Prüfe anhand von Daten, ob in einem bestimmten Land eine Polarisationsumkehr eingesetzt hat.