Globale Wertschöpfungsketten (Global Value Chains, GVCs) beschreiben die internationale Aufteilung von Produktionsprozessen: Verschiedene Stufen der Herstellung eines Produkts finden in unterschiedlichen Ländern statt, gesteuert von transnationalen Konzernen (TNCs). Die einzelnen Stufen umfassen Forschung und Entwicklung, Rohstoffgewinnung, Komponentenfertigung, Endmontage, Marketing und Vertrieb.
Das berühmte Beispiel Apple iPhone illustriert dies: Designt in Kalifornien (USA), Prozessoren von TSMC (Taiwan), Speicherchips von Samsung (Südkorea), Display von LG (Südkorea) und BOE (China), Kameramodule von Sony (Japan), Endmontage bei Foxconn in Shenzhen (China) oder Chennai (Indien). Über 200 Zulieferer in über 40 Ländern sind beteiligt.
Das Konzept der „Smile Curve“ (nach Stan Shih, Acer-Gründer) zeigt, dass die höchste Wertschöpfung an den Enden der Kette liegt (F&E, Design am Anfang; Marketing, Marke am Ende), während die Fertigung in der Mitte die geringste Wertschöpfung erzielt. Entwicklungsländer sind häufig in der Mitte der Kurve gefangen.
Zwei zentrale Strategien der globalen Produktionsorganisation:
Outsourcing bedeutet die Auslagerung von Unternehmensfunktionen an externe Dienstleister. Beispiel: Ein deutsches Automobilunternehmen lagert die IT-Wartung an einen spezialisierten Anbieter aus – der kann im selben Land sitzen oder im Ausland.
Offshoring bezeichnet die Verlagerung von Produktions- oder Dienstleistungsprozessen ins Ausland, um Kostenvorteile zu nutzen. Beispiel: Deutsche Autobauer betreiben Werke in Mexiko (niedrigere Löhne, Nähe zum US-Markt) oder in China (Marktzugang). Call-Center von US-Unternehmen sitzen häufig in Indien (englischsprachige, gut ausgebildete Arbeitskräfte zu niedrigem Lohn).
Nearshoring ist eine Zwischenform: Verlagerung in ein benachbartes Land mit niedrigeren Kosten (z. B. von Deutschland nach Polen oder Tschechien). Vorteile: Geringere kulturelle und zeitzonale Distanz, kürzere Transportwege.
Die Fragilität globaler Lieferketten wurde durch mehrere Krisen offenbar:
• Corona-Pandemie (2020–2022): Lockdowns in China lähmten die globale Produktion. Halbleitermangel traf die Automobil-, Elektronik- und Medizintechnikindustrie. Die Lieferzeit für Containersch&ifffahrt verdreifachte sich.
• Suezkanal-Blockade (2021): Die „Ever Given“ blockierte sechs Tage lang den Suezkanal, durch den 12 % des Welthandels fließen. Kosten: geschätzt 10 Milliarden Dollar pro Tag.
• Russland-Ukraine-Krieg (2022): Unterbrochene Getreide- und Energielieferketten; Lebensmittel- und Energiepreiskrise.
Als Reaktion verfolgen Unternehmen und Staaten Diversifizierungsstrategien:
• Reshoring: Rückverlagerung in das Heimatland
• Friend-Shoring: Verlagerung zu politisch verbündeten Ländern
• Dual/Multi-Sourcing: Mehrere Zulieferer in verschiedenen Ländern statt eines einzigen
• Lageraufbau: Abkehr vom Just-in-Time-Prinzip hin zu größeren Sicherheitsbeständen („Just-in-Case“)
GVCs bieten Entwicklungsländern Chancen und Risiken:
Chancen: Integration in die Weltwirtschaft, Arbeitsplätze, Technologietransfer, Deviseneinnahmen. Bangladeschs Textilindustrie beschäftigt über 4 Millionen Menschen und ist der zweitgrößte Bekleidungsexporteur der Welt.
Risiken: Niedriglohnfalle (Arbeitsplätze wandern bei Lohnsteigerungen in noch billigere Länder), Race to the Bottom (Unterbietungswettbewerb bei Umwelt- und Sozialstandards), geringe Wertschöpfungstiefe (nur Montage, keine eigene Marke/Technologie), Abhängigkeit von ausländischen Auftraggebern.
Der Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch (2013, über 1.100 Tote) verdeutlichte die Schattenseiten globaler Produktionsketten und löste eine Debatte über Lieferkettenverantwortung aus.
Zusammenfassung:
• GVCs: Internationale Aufteilung der Produktion; Smile Curve (Fertigung = niedrigste Wertschöpfung)
• Outsourcing (extern), Offshoring (Ausland), Nearshoring (Nachbarland)
• Verwundbarkeit: Corona, Suezkanal, Ukraine-Krieg → Reshoring, Friend-Shoring
• Entwicklungsländer: Arbeitsplätze, aber Niedriglohnfalle und Race to the Bottom
Abitur-Tipp: Globale Produktionsketten werden oft am Beispiel eines konkreten Produkts (iPhone, T-Shirt, Auto) geprüft. Zeichne die Lieferkette mit den beteiligten Ländern und analysiere die Wertschöpfungsverteilung.