Karl Popper (1902–1994) entwickelte den Kritischen Rationalismus als Antwort auf ein Grundproblem der Wissenschaftsphilosophie: das Induktionsproblem. Der schottische Philosoph David Hume (1711–1776) hatte gezeigt, dass induktive Schlüsse (vom Besonderen aufs Allgemeine) logisch nicht gültig sind.
Beispiel: Wir beobachten 10.000 weiße Schwäne. Daraus schließen wir: „Alle Schwäne sind weiß.“ Doch dieser Schluss ist logisch nicht zwingend – der nächste Schwan könnte schwarz sein (und tatsächlich gibt es schwarze Schwäne in Australien). Keine noch so große Zahl von Bestätigungen kann eine allgemeine Aussage beweisen.
Das Induktionsproblem stellt die gesamte empirische Wissenschaft infrage: Wenn wir aus Beobachtungen keine sicheren allgemeinen Gesetze ableiten können – wie funktioniert dann Wissenschaft?
Poppers geniale Lösung: Wissenschaft funktioniert nicht durch Verifikation (Bestätigung), sondern durch Falsifikation (Widerlegung). Die logische Asymmetrie besagt:
• Verifikation ist unmöglich: Noch so viele Bestätigungen beweisen eine Theorie nicht.
• Falsifikation ist möglich: Ein einziger schwarzer Schwan widerlegt die Aussage „Alle Schwäne sind weiß“.
Daraus folgt Poppers Abgrenzungskriterium (Demarkationskriterium): Eine Theorie ist genau dann wissenschaftlich, wenn sie falsifizierbar ist – wenn es prinzipiell möglich ist, Beobachtungen anzugeben, die sie widerlegen würden.
Wissenschaftlich: „Alle Schwäne sind weiß“ (falsifizierbar durch einen schwarzen Schwan). Einsteins Relativitätstheorie (falsifizierbar durch bestimmte Messungen).
Nicht wissenschaftlich (pseudowissenschaftlich): Astrologie (erklärt alles, sagt nichts Präzises vorher). Marxismus (jedes historische Ereignis wird „erklärt“). Freuds Psychoanalyse (jedes Verhalten bestätigt die Theorie).
Für Popper schreitet Wissenschaft durch einen Prozess von Vermutungen und Widerlegungen (Conjectures and Refutations) voran:
1. Problem: Eine Frage oder Anomalie tritt auf.
2. Kühne Hypothese: Ein Wissenschaftler stellt eine gewagte Theorie auf.
3. Strenge Überprüfung: Die Theorie wird systematisch versucht zu widerlegen (nicht zu bestätigen!).
4a. Falsifikation: Die Theorie wird widerlegt → neue, bessere Theorie wird gesucht.
4b. Vorläufige Bewährung: Die Theorie besteht die Tests → sie ist nicht „wahr“, sondern „vorläufig nicht widerlegt“ (korroboriert).
Wissenschaftliche Theorien sind daher nie endgültig wahr, sondern immer vorläufig. Dies nennt Popper Fallibilismus: Jede Erkenntnis ist prinzipiell fehlbar und korrigierbar. Fortschritt besteht darin, dass wir bessere Theorien (die mehr erklären und härteren Tests standhalten) entwickeln.
Poppers Wissenschaftstheorie wurde vielfach kritisiert:
• Thomas Kuhn („Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“, 1962): Wissenschaft funktioniert nicht durch ständige Falsifikation, sondern durch Paradigmenwechsel. Innerhalb eines Paradigmas werden Anomalien ignoriert oder wegerklärt, nicht als Falsifikation akzeptiert. Erst in einer Krise bricht das alte Paradigma zusammen.
• Paul Feyerabend („Against Method“, 1975): Es gibt keine universelle wissenschaftliche Methode. Große wissenschaftliche Durchbrüche (Galilei, Einstein) verletzten oft die Methodenregeln. „Anything goes“ – alles ist erlaubt, wenn es zum Fortschritt beiträgt.
• Imre Lakatos: Einzelne Falsifikationen führen nicht zur Aufgabe einer Theorie. Entscheidend sind Forschungsprogramme mit einem „harten Kern“ und einem „Schutzgürtel“ von Hilfshypothesen.
• Duhem-Quine-These: Einzelne Hypothesen können nie isoliert getestet werden – immer werden Hilfshypothesen mitgetestet. Es ist unklar, welche Hypothese widerlegt wurde.
Zusammenfassung:
• Induktionsproblem (Hume): Bestätigungen beweisen keine allgemeinen Gesetze
• Falsifikationsprinzip: Wissenschaft = Widerlegungsversuche, nicht Bestätigungen
• Abgrenzungskriterium: Wissenschaftlich = falsifizierbar; pseudowissenschaftlich = nicht falsifizierbar
• Fallibilismus: Alle Erkenntnis ist vorläufig und korrigierbar
• Kritik: Kuhn (Paradigmen), Feyerabend (Anything goes), Lakatos (Forschungsprogramme)
Abitur-Tipp: Popper ist der wichtigste Wissenschaftstheoretiker im Abitur. Kenne das Falsifikationsprinzip, das Abgrenzungskriterium und die Kritik von Kuhn und Feyerabend. Typische Aufgabe: Wende Poppers Kriterium auf ein konkretes Beispiel an (z. B. Homöopathie, Kreationismus, Klimamodelle).