Julien Offray de La Mettrie (1709–1751) war ein französischer Arzt und Philosoph der Aufklärung, der mit seinem Werk „L’Homme Machine“ (Der Mensch eine Maschine, 1748) eine der radikalsten materialistischen Positionen der Philosophiegeschichte formulierte. Das Buch war so skandalös, dass es in Frankreich und den Niederlanden verboten wurde – La Mettrie fand Zuflucht am Hof Friedrichs des Großen in Potsdam.
La Mettrie war als Arzt tätig und machte eine entscheidende Beobachtung: Während einer schweren Fiebererkrankung stellte er fest, dass seine Gedanken und Gefühle sich mit dem körperlichen Zustand veränderten. Dies brachte ihn zu dem Schluss: Geistige Zustände sind nichts anderes als körperliche Zustände. Es gibt keine vom Körper unabhängige Seele.
La Mettries Argument baut auf Descartes auf – und geht entscheidend über ihn hinaus. Descartes hatte Tiere als Automaten (Maschinen) beschrieben, dem Menschen aber eine immaterielle Seele (res cogitans) zugesprochen. La Mettrie radikalisiert: Auch der Mensch ist eine Maschine – eine besonders komplexe, aber dennoch vollständig materielle.
Seine Argumente:
• Körper-Geist-Korrelationen: Krankheiten, Drogen, Schlaf, Nahrung verändern den Geisteszustand. „Die Seele ist nichts als ein unnützer Begriff, von dem man keine Idee hat.“
• Tiervergleich: Der Unterschied zwischen Mensch und Tier ist graduell, nicht prinzipiell. Menschenaffen können lernen, Werkzeuge nutzen und kommunizieren – sie sind nur weniger komplexe „Maschinen“.
• Kein Dualismus: Die Annahme einer immateriellen Seele ist unnötig (Ockhams Rasiermesser). Alle geistigen Phänomene lassen sich durch Organisation der Materie erklären – insbesondere durch die Struktur des Gehirns.
• Vergleich mit Uhrwerk: Wie eine Uhr durch die Anordnung ihrer Räder und Federn funktioniert, so funktioniert der Mensch durch die Anordnung seiner Organe, Nerven und Muskeln.
La Mettries Materialismus hat weitreichende Konsequenzen:
• Keine unsterbliche Seele: Wenn der Geist ein Produkt des Körpers ist, endet er mit dem Tod des Körpers. Es gibt kein Jenseits, keine Auferstehung, kein göttliches Gericht.
• Keine Willensfreiheit: Der Mensch handelt nach den Gesetzen der Materie – sein Wille ist kausal determiniert durch neuronale (in La Mettries Sprache: nervöse) Prozesse.
• Moralischer Hedonismus: Wenn es keine Seele und kein Jenseits gibt, ist das irdische Glück (Lust, Freude, körperliches Wohlbefinden) das höchste Gut. La Mettrie vertritt einen gemäßigten Hedonismus und plädiert für Toleranz: Wenn niemand für seinen Charakter verantwortlich ist (da er determiniert ist), gibt es keinen Grund für moralische Verurteilung.
Kritik an La Mettrie:
• Reduktionismus: Kann man Bewusstsein, Freiheit, Liebe, Kreativität wirklich auf Maschinen-Mechanismen reduzieren? Das Qualia-Problem (Thomas Nagel: „What is it like to be a bat?“) bleibt ungelöst: Selbst wenn wir alle neuronalen Korrelate kennen, erklären sie nicht das subjektive Erleben (wie sich Rot anfühlt).
• Moralisches Vakuum: Ohne Willensfreiheit und Verantwortung droht moralischer Nihilismus: Wenn niemand für seine Taten verantwortlich ist, verlieren Lob, Tadel und Strafe ihren Sinn.
• Performativer Widerspruch: La Mettrie argumentiert rational für die These, dass rationales Denken eine Illusion ist – das untergräbt seine eigene Argumentation.
Historische Bedeutung: La Mettrie gilt als Vorläufer des modernen Materialismus/Physikalismus und der Neurowissenschaften. Seine These, dass der Geist ein Produkt des Gehirns ist, wurde durch die Hirnforschung des 20./21. Jahrhunderts weitgehend bestätigt (auch wenn die philosophischen Konsequenzen umstritten bleiben). Gerhard Roth steht direkt in La Mettries Tradition.
Zusammenfassung:
• L’Homme Machine (1748): Auch der Mensch ist eine (komplexe) Maschine
• Radikalisierung von Descartes: Kein Dualismus, keine immaterielle Seele
• Argumente: Körper-Geist-Korrelation, Tiervergleich, Ockhams Rasiermesser
• Konsequenzen: Keine unsterbliche Seele, kein freier Wille, Hedonismus
• Kritik: Reduktionismus, Qualia-Problem, moralisches Vakuum
Abitur-Tipp: La Mettrie ist zentral für Q3.2 („Was bleibt vom Ich?“). Ordne ihn in die Reihe ein: Descartes (Dualismus) → La Mettrie (Materialismus) → Roth (Neurowissenschaft). Diskutiere: Ist der Mensch „nur“ eine Maschine?