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Empirismus: Locke und Hume

John Locke: Tabula Rasa

Der Empirismus ist die erkenntnistheoretische Position, dass alle Erkenntnis aus der Sinneserfahrung stammt. Sein wichtigster Vertreter in der Frühzeit ist John Locke (1632–1704), der in seinem „Essay Concerning Human Understanding“ (1689) die These vertritt: Der menschliche Geist ist bei Geburt eine Tabula Rasa („leere Tafel“).

Es gibt keine angeborenen Ideen (gegen Descartes’ ideae innatae). Alle Ideen (Vorstellungen) entstehen durch Erfahrung:

Sensation: Äußere Sinneswahrnehmung (Sehen, Hören, Tasten → einfache Ideen wie „rot“, „warm“, „süß“)
Reflexion: Innere Wahrnehmung der eigenen geistigen Tätigkeit (Denken, Zweifeln, Wollen → Ideen wie „Überzeugung“, „Erinnerung“)

Aus einfachen Ideen bildet der Verstand durch Kombination, Vergleich und Abstraktion komplexe Ideen (z. B. die Idee „Einhorn“ = Pferd + Horn). Lockes Empirismus hat eine wichtige pädagogische Konsequenz: Wenn der Mensch bei Geburt eine leere Tafel ist, bestimmt die Erziehung (nicht die Natur), wer er wird.

David Hume: Radikaler Empirismus

David Hume (1711–1776) radikalisierte den Empirismus. In seiner „Enquiry Concerning Human Understanding“ (1748) unterscheidet er zwei Arten von Erkenntnis:

Relations of Ideas (Ideenbeziehungen): Logische und mathematische Wahrheiten (z. B. „2+2=4“, „Junggesellen sind unverheiratet“). Diese sind a priori (unabhängig von Erfahrung) und analytisch (aus der Bedeutung der Begriffe ableitbar).
Matters of Fact (Tatsachen): Empirische Aussagen über die Welt (z. B. „Die Sonne geht morgen auf“). Diese sind a posteriori (nur durch Erfahrung prüfbar) und synthetisch (der Inhalt geht über die Begriffe hinaus).

Hume stellt die entscheidende Frage: Wie können wir Tatsachenaussagen über die Zukunft rechtfertigen? Die Antwort lautet: Nur durch die Annahme, dass die Zukunft der Vergangenheit ähneln wird (Uniformitätsprinzip). Aber diese Annahme selbst ist eine Tatsachenaussage, die wiederum nur durch Erfahrung gestützt werden kann – ein Zirkelschluss. Das ist das Induktionsproblem (später von Popper aufgegriffen).

Humes Guillotine: Sein und Sollen

Hume formulierte ein weiteres einflussreiches Argument, bekannt als Humes Guillotine (Sein-Sollen-Fehlschluss, Is-Ought-Problem): Aus Aussagen darüber, wie die Welt ist, folgt nicht, wie sie sein soll. Aus deskriptiven (beschreibenden) Prämissen können keine normativen (vorschreibenden) Schlussfolgerungen gezogen werden.

Beispiel: Aus der Tatsache, dass Menschen sich natürlicherweise egoistisch verhalten (Sein), folgt nicht, dass Egoismus moralisch richtig ist (Sollen). Der naturalistische Fehlschluss besteht darin, von „natürlich“ auf „gut“ zu schließen.

Dieses Prinzip hat enorme Konsequenzen für die Ethik: Moralische Normen können nicht allein aus empirischen Fakten abgeleitet werden (weder aus Biologie, noch aus Geschichte, noch aus Soziologie). Moral erfordert einen eigenständigen normativen Begründungsschritt.

Kausalität als Gewohnheit

Humes vielleicht berühmteste These betrifft die Kausalität: Wenn wir sagen „A verursacht B“, beobachten wir in Wahrheit nur, dass A und B regelmäßig zusammen auftreten (constant conjunction). Wir sehen niemals die Ursache selbst – nur die zeitliche Abfolge und regelmäßige Verbindung.

Unsere Überzeugung, dass A B notwendig hervorbringt, ist laut Hume eine Gewohnheit des Geistes (custom, habit): Weil wir oft erlebt haben, dass Feuer brennt, erwarten wir es auch beim nächsten Mal – aber diese Erwartung ist psychologisch, nicht logisch begründet.

Kant sagte später, Hume habe ihn aus seinem „dogmatischen Schlummer“ geweckt. Kants „Kritik der reinen Vernunft“ (1781) ist der Versuch, Humes Skeptizismus zu überwinden, indem er zeigt, dass Kausalität eine Kategorie des Verstandes ist, die wir auf die Erfahrung anwenden (synthetisches Urteil a priori).

Zusammenfassung:

• Locke: Tabula Rasa; alle Erkenntnis aus Sensation und Reflexion; keine angeborenen Ideen
• Hume: Induktionsproblem (Zukunft nicht logisch begründbar); Kausalität = Gewohnheit
• Humes Guillotine: Aus Sein folgt nicht Sollen (kein naturalistischer Fehlschluss)
• Kant als Synthese: Kategorien des Verstandes strukturieren die Erfahrung (a priori)

Abitur-Tipp: Humes Induktionsproblem ist der Ausgangspunkt für Poppers Falsifikationismus (Q2.2). Und Humes Guillotine ist fundamental für jede ethische Argumentation: Immer prüfen, ob ein Argument vom Sein aufs Sollen schließt!