Jean-Paul Sartre (1905–1980) ist der bekannteste Vertreter des Existenzialismus. In seinem Vortrag „L’existentialisme est un humanisme“ (Der Existenzialismus ist ein Humanismus, 1946) formulierte er die Kernthese: „Die Existenz geht der Essenz voraus.“
Was bedeutet das? Bei einem Gebrauchsgegenstand (z. B. einem Messer) existiert die Essenz (der Zweck: Schneiden) vor der Existenz: Der Handwerker entwirft zuerst die Idee des Messers und fertigt es dann an. Bei dem Menschen ist es umgekehrt: Der Mensch existiert zuerst – und muss sich seine Essenz (sein Wesen, seinen Sinn, seine Identität) erst selbst schaffen.
Es gibt keine menschliche Natur, die uns vorgibt, wer wir sind oder sein sollen. Es gibt keinen Gott, der einen Plan für uns hat (Sartre ist Atheist). Es gibt keine biologische oder psychologische Determination, die unser Handeln festlegt. Der Mensch ist „dazu verurteilt, frei zu sein“.
Sartres Freiheitsbegriff ist radikal: Der Mensch ist in jeder Situation frei zu wählen. Selbst ein Gefangener ist frei – frei darin, wie er auf seine Gefangenschaft reagiert (Widerstand, Resignation, Fluchtversuch). Auch „nicht zu wählen“ ist eine Wahl.
Mit dieser radikalen Freiheit geht totale Verantwortung einher: „Der Mensch ist nichts anderes als das, wozu er sich macht.“ Wir können uns nicht hinter Ausreden verstecken („Ich musste so handeln“, „Die Umstände ließen mir keine Wahl“, „So bin ich eben“). Sartre nennt solche Ausreden „mauvaise foi“ (Unaufrichtigkeit / schlechter Glaube / Selbstbetrug).
Beispiel: Der Kellner, der „ganz Kellner spielt“ – jede Geste, jeder Schritt ist so „kellnerhaft“, als gäbe es keine andere Möglichkeit. Er versteckt sich hinter seiner sozialen Rolle und verleugnet seine Freiheit, auch anders sein zu können.
Die Konfrontation mit der eigenen Freiheit löst Angst (angoisse) aus: Angst nicht vor einer äußeren Bedrohung (das wäre Furcht), sondern vor der eigenen Freiheit und Verantwortung. An einem Abgrund empfinde ich nicht nur Furcht vor dem Sturz, sondern Angst vor der Möglichkeit, selbst zu springen – die Freiheit, die mir diese Möglichkeit eröffnet, ist angstauslösend.
In seinem Roman „La Nausée“ (Der Ekel, 1938) beschreibt Sartre das Gefühl des Ekels (nausée) angesichts der Kontingenz des Daseins: Die Dinge existieren einfach – grundlos, sinnlos, überflüssig. Es gibt keinen tieferen Sinn, keine verborgene Ordnung. Der Mensch muss Sinn selbst stiften.
Sartres Konzept der Geworfenheit (übernommen von Heidegger): Wir haben uns nicht ausgesucht, geboren zu werden, nicht unsere Eltern, nicht unser Land, nicht unsere Epoche. Wir sind in eine Situation „geworfen“, die wir nicht gewählt haben – aber innerhalb dieser Situation sind wir frei zu handeln.
Eine zentrale Kategorie in Sartres Philosophie ist der Blick des Anderen (le regard). Wenn mich jemand ansieht, werde ich zum Objekt seines Blicks – ich werde auf eine bestimmte Identität festgelegt („Du bist ein Feigling“, „Du bist hässlich“). Der Andere objektiviert mich und schränkt damit meine Freiheit ein.
Sartres berühmter Satz aus dem Drama „Huis clos“ (Geschlossene Gesellschaft, 1944): „L’enfer, c’est les autres.“ („Die Hölle, das sind die Anderen.“) Die Anwesenheit anderer Menschen konfrontiert uns mit ihren Urteilen, ihrem Blick, ihren Erwartungen – und wird so zur Quelle von Scham, Schuld und Unfreiheit.
• Heidegger: Sartre vereinfacht und popularisiert die Existenzphilosophie übermäßig.
• Marxisten: Sartres Überbetonung individueller Freiheit ignoriert strukturelle Zwänge (Klasse, Armut, Rassismus). Sartre versuchte später eine Synthese („Critique de la raison dialectique“).
• Neurowissenschaftler (Roth): Radikale Freiheit ist eine Illusion; das Gehirn determiniert Entscheidungen.
• Feminismus: Simone de Beauvoir nutzte Sartres Existenzialismus für ihre feministische Philosophie: „Man wird nicht als Frau geboren, man wird dazu gemacht.“ Essenz geht nicht der Existenz voraus – „Weiblichkeit“ ist keine natürliche Gegebenheit, sondern eine soziale Konstruktion.
Zusammenfassung:
• Existenz vor Essenz: Kein vorgegebenes Wesen; der Mensch erschafft sich selbst
• Radikale Freiheit: Der Mensch ist „dazu verurteilt, frei zu sein“
• Mauvaise foi: Selbstbetrug, um der Freiheit und Verantwortung zu entkommen
• Angst vor der eigenen Freiheit; Ekel angesichts der Sinnlosigkeit
• „Die Hölle, das sind die Anderen“ – der objektivierende Blick
Abitur-Tipp: Sartre ist Hintergrundwissen für Q3.1 („Wer ist Ich?“). Vergleiche: Sartre (Freiheit), Freud (Unbewusstes), Roth (Determination). Sartres Position ist der radikale Gegenpol zu Roth – dieser Kontrast wird im Abitur gern gefragt.