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Nietzsche und der Übermensch

Friedrich Nietzsche, Fotografie
Wer war Friedrich Nietzsche?

Friedrich Nietzsche (1844–1900) ist einer der provokantesten und wirkungsmächtigsten Denker der Moderne. Sohn eines protestantischen Pfarrers, studierte er klassische Philologie und wurde mit nur 24 Jahren Professor in Basel. Nach zehn Jahren gab er die Stelle aus gesundheitlichen Gründen auf und lebte fortan als wandernder Schriftsteller in Italien, der Schweiz und Frankreich. 1889 brach er in Turin geistig zusammen – angeblich, als er einen geschundenen Pferd weinend umarmte – und verbrachte seine letzten elf Jahre in geistiger Umnachtung.

Nietzsches Werk ist kein System, sondern eine Folge funkelnder Aphorismen, Polemiken und literarischer Prosa. Er sagt von sich selbst: „Ich bin kein Mensch, ich bin Dynamit.“ (Ecce homo, 1888) Seine Hauptwerke sind Die fröhliche Wissenschaft (1882), Also sprach Zarathustra (1883–85), Jenseits von Gut und Böse (1886) und Zur Genealogie der Moral (1887).

„Gott ist tot“

Nietzsches berühmtester Satz steht im Aphorismus 125 der Fröhlichen Wissenschaft. Ein „toller Mensch“ läuft mit einer Laterne über den Marktplatz und schreit: „Ich suche Gott! Ich suche Gott!“ Die Umstehenden lachen ihn aus. Da wirft er die Laterne zur Erde und ruft:

„Wohin ist Gott? rief er, ich will es euch sagen! Wir haben ihn getötet, – ihr und ich! Wir alle sind seine Mörder! Aber wie haben wir dies gemacht? Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? Was thaten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten?“

Mit dieser Erklärung meint Nietzsche keineswegs, dass es Gott vorher tatsächlich gegeben hätte. Vielmehr stellt er fest: Im Zeitalter von Wissenschaft und Aufklärung hat das Christentum seine Glaubwürdigkeit verloren. Damit stürzt das gesamte Wertesystem ein, das auf ihm aufgebaut war: Moral, Sinn, Wahrheit. Die Folge ist der europäische Nihilismus – eine geistige Lage, in der keine letzten Werte mehr verbindlich sind.

Nietzsche sieht darin sowohl Gefahr als auch Chance. Wer den Tod Gottes wirklich begreife, müsse neue Werte schaffen. Die Aufgabe der Zukunft sei die „Umwerthung aller Werthe“.

Wille zur Macht

Was treibt das Lebendige? Schopenhauer antwortete: der „Wille zum Leben“. Nietzsche radikalisiert das: Es ist nicht der bloße Selbsterhalt, sondern der Wille zur Macht, das Streben nach Steigerung, Überwindung, Wachstum. Alles Lebendige will mehr werden, als es ist. Nietzsche schreibt in Jenseits von Gut und Böse: „Leben selbst ist Wille zur Macht.“

Dabei geht es nicht um politische Gewaltherrschaft – ein verbreitetes Missverständnis. Der Wille zur Macht ist ein metaphysisches und psychologisches Prinzip: Auch der Wissenschaftler, der Heilige, der Künstler folgen ihm. Künstlerische Schöpfung ist die höchste Form des Willens zur Macht: Wer Werte schafft, herrscht im edelsten Sinn.

Der Übermensch

In seinem dichterischen Hauptwerk Also sprach Zarathustra verkündet Nietzsche durch den Mund seines Propheten Zarathustra die Idee des Übermenschen. Schon in der Vorrede heißt es: „Ich lehre euch den Übermenschen. Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden soll. Was habt ihr gethan, ihn zu überwinden? [...] Der Übermensch ist der Sinn der Erde.“

Der Übermensch ist nicht die nächste biologische Stufe der Evolution. Er ist ein Idealbild: ein Mensch, der den Tod Gottes anerkannt hat, der sich seine eigenen Werte schafft, der das Leben bejaht in all seiner Tragik und Lust. Er ist nicht erbittert, nicht ressentimentgeladen, nicht jenseitig orientiert. Er sagt „Ja“ zur Erde. Sein größter Test ist die ewige Wiederkunft: Könntest du wollen, dass dein Leben sich unendlich oft genauso wiederholt? Wer dazu „Ja“ sagen kann, hat den Übermenschen in sich.

Gegenüber dem Übermenschen steht der letzte Mensch: bequem, satt, ohne große Ziele, voller kleiner Lustüsteme. Er hat sein „Glückchen erfunden“ und blinzelt zufrieden. Das ist Nietzsches Spottbild der bürgerlichen Gesellschaft.

Herrenmoral und Sklavenmoral

In Zur Genealogie der Moral (1887) und Jenseits von Gut und Böse entwickelt Nietzsche seine berühmte Unterscheidung zweier Moralformen.

Die Herrenmoral ist die Moral der vornehmen, starken, sich selbst bestätigenden Menschen. Sie nennt sich selbst „gut“ und das, was sie ablehnt, „schlecht“. Ihre Werte sind: Tapferkeit, Großmut, Ehre, Stolz, Kraft. Beispiel: das antike Griechenland, das römische Patriziat, die nordischen Krieger.

Die Sklavenmoral entsteht aus der Ressentiment-Reaktion der Schwachen gegen die Starken. Wer nicht Herr sein kann, erklärt das Herrsein für „böse“. Wer nicht stark ist, lobt die Schwachheit als „Demut“. So habe das Christentum – im Anschluss an die antike jüdische Moral – die alten Werte umgedreht: Aus „gut“ und „schlecht“ wurde „gut“ und „böse“. Aus dem Stolz wurde Sünde, aus der Demut Tugend.

Wichtig: Nietzsche hat keine antisemitische Absicht. Er greift seine Schwester Elisabeth und seinen ehemaligen Freund Wagner wegen deren Antisemitismus heftig an. Erst die spätere Vereinnahmung durch die Nationalsozialisten – gefördert von der antisemitischen Schwester – hat Nietzsche zu Unrecht in Nähe des NS gebracht.

Wirkung und Kritik

Nietzsches Wirkung ist immens. Er ist Stichwortgeber der Existenzphilosophie (Heidegger, Jaspers, Sartre), der Postmoderne (Foucault, Derrida, Deleuze), der Lebensphilosophie und sogar der Psychoanalyse Freuds. Nietzsches Misstrauen gegen alle „hohen Werte“ und seine genealogische Methode prägen bis heute Kulturwissenschaft und Diskursanalyse.

Die Kritik ist freilich heftig. Aus christlicher Sicht (z. B. Erich Präzter) ist Nietzsche ein gefährlicher Aufklärungszerstörer. Liberale wie Bertrand Russell warfen ihm Aristokratismus und politische Naivität vor. Feministische Stimmen kritisieren seine teils misogyne Rhetorik. Und viele Leser fragen: Wo bleibt das Mitgefühl mit den Schwachen, das doch ein Kern jeder Ethik ist?

Trotzdem: Wer das 20. Jahrhundert verstehen will, kommt an Nietzsche nicht vorbei. Sein Diagnose des Nihilismus ist heute aktueller denn je – in einer Welt, in der die großen Sinngeber bröckeln und niemand mehr weiß, woher die Werte kommen sollen.

Zusammenfassung:

• Friedrich Nietzsche (1844–1900), deutscher Philosoph und Philologe
• „Gott ist tot“ (Fröhliche Wissenschaft 125): Diagnose des europäischen Nihilismus
• Wille zur Macht: Grundprinzip des Lebendigen
• Übermensch: Idealbild des Werteschöpfers (Zarathustra)
• Ewige Wiederkunft: größter Test der Lebensbejahung
• Herrenmoral (gut/schlecht) vs. Sklavenmoral (gut/böse, aus Ressentiment)
• Umwertung aller Werte als Aufgabe der Zukunft
• Wirkung: Existenzphilosophie, Postmoderne; Kritik: Aristokratismus, NS-Vereinnahmung

Abitur-Tipp: Lerne den Aphorismus „Gott ist tot“ im Originalwortlaut, mindestens den ersten Satz. Trenne sauber Nietzsches Position von der NS-Vereinnahmung – Schwester Elisabeth hat den Nachlass manipuliert. Verbinde Nietzsche mit dem Existenzialismus (Sartre: „Existenz vor Wesen“) und mit Foucaults Genealogie. Wer den Übermenschen nicht als biologische Stufe missversteht, hat den entscheidenden Punkt.