Bibliothek

Fach wählen

Themen

Radikaler Konstruktivismus

Was ist Konstruktivismus?

Der Konstruktivismus ist eine erkenntnistheoretische Position, die im 20. Jahrhundert aus Kybernetik, Biologie und Psychologie hervorgegangen ist. Seine Grundthese: Wir haben keinen direkten Zugang zur Wirklichkeit. Was wir „Welt“ nennen, ist immer schon das Ergebnis unserer kognitiven, neurologischen und sprachlichen Konstruktionen. Wirklichkeit ist nicht das, was „da draußen“ ist, sondern das, was wir mit unseren Sinnen, unserem Gehirn und unserer Sprache aus den Informationen machen, die uns erreichen.

Der Konstruktivismus ist also eine moderne Variante des erkenntnistheoretischen Idealismus – allerdings nicht metaphysisch begründet wie bei Berkeley oder Kant, sondern biologisch und kybernetisch. Er hat tiefgreifende Folgen für das, was wir „Wahrheit“ und „Wissen“ nennen.

Maturana und Varela: Autopoiesis

Die chilenischen Biologen Humberto Maturana (1928–2021) und Francisco Varela (1946–2001) sind die wichtigsten naturwissenschaftlichen Väter des Konstruktivismus. In ihrem Hauptwerk Der Baum der Erkenntnis (1984) entwickelten sie das Konzept der Autopoiesis (griech. „Selbsterzeugung“): Lebewesen sind selbstbezügliche Systeme, die sich selbst herstellen und erhalten. Sie sind operational geschlossen – sie reagieren nicht auf die „Welt draußen“ im Sinne einer Abbildung, sondern interpretieren Reize in ihrem eigenen Code.

Maturanas Bonmot lautet: „Alles, was gesagt wird, wird von einem Beobachter gesagt.“ Es gibt keine objektive Beobachtung „von nirgendwoher“. Jedes Wissen ist Wissen eines konkreten Lebewesens unter konkreten Bedingungen. Auch das Nervensystem ist ein geschlossenes System: Es nimmt nicht die Welt „wahr“, sondern erzeugt aus elektrischen Impulsen ein Modell, das für das Überleben tauglich ist.

Ernst von Glasersfeld: viable statt wahr

Der österreichisch-amerikanische Philosoph Ernst von Glasersfeld (1917–2010) entwickelte in seinen Arbeiten den radikalen Konstruktivismus. Sein zentraler Begriff ist die Viabilität (von lat. via, Weg): Eine Vorstellung ist nicht wahr, sondern viabel – sie funktioniert, sie passt durch die Engpasse der Erfahrung, sie erlaubt erfolgreiches Handeln. Wahrheit als Übereinstimmung mit der Wirklichkeit (Korrespondenztheorie) gibt der radikale Konstruktivismus auf.

Glasersfeld vergleicht das mit einem Schlüssel: Ein Schlüssel ist nicht „wahr“ oder „falsch“, er passt oder er passt nicht. Genauso passen unsere Theorien zu unseren Erfahrungen oder eben nicht. Was wir gemeinhin „Wissen“ nennen, ist in dieser Sicht nichts anderes als eine besonders bewährte Konstruktion.

Heinz von Foerster: Kybernetik zweiter Ordnung

Der österreichische Physiker Heinz von Foerster (1911–2002) gilt als Begründer der Kybernetik zweiter Ordnung. Während die klassische Kybernetik beobachtete Systeme untersuchte, untersucht die Kybernetik zweiter Ordnung den Beobachter, der die Systeme beobachtet – also sich selbst. Foerster prägte den berühmten ethischen Imperativ: „Handle stets so, dass die Anzahl der Möglichkeiten wächst.“

Eine seiner Pointen: Wir nehmen nicht die Welt wahr, sondern unsere Wahrnehmung von der Welt. Was uns die Sinnesorgane melden, sind bloße Erregungsmuster – die Bedeutung wird vom Gehirn hinzugefügt. Foerster nennt das die „undifferenzierte Codierung“: Jeder Lichtreiz, jedes Geräusch ist im Nervensystem nur ein elektrisches Signal. Dass aus dem einen ein Bild, aus dem anderen ein Klang wird, ist Konstruktion.

Paul Watzlawick und die Kommunikationstheorie

Der österreichisch-amerikanische Psychologe Paul Watzlawick (1921–2007) brachte den Konstruktivismus in die Therapie und ins breite Publikum. Sein bekanntestes Buch heißt Wie wirklich ist die Wirklichkeit? (1976). Watzlawick zeigt, wie unsere „Wirklichkeit“ aus Geschichten, Annahmen und Selbstbestätigungen zusammengesetzt ist. Wer denkt, alle Welt sei feindselig, verhält sich misstrauisch – und erntet Misstrauen. Die Vorhersage erfüllt sich selbst (self-fulfilling prophecy). Therapie ist für Watzlawick keine Aufdeckung verdrängter Wahrheiten, sondern Konstruktion neuer, viablerer Geschichten.

Pädagogik und Therapie

Der Konstruktivismus hat enormen Einfluss auf moderne Pädagogik. Wenn Wissen nicht „übertragen“, sondern jeweils neu konstruiert wird, dann muss Lernen ein aktiver Prozess sein. Frontalunterricht, in dem der Lehrer Wissen „eingießt“, gilt als überholt. Schüler sollen entdecken, ausprobieren, eigene Modelle bauen. Der Schweizer Psychologe Jean Piaget ist hier ein wichtiger Vorläufer.

In der systemischen Therapie (Mailand-Schule, Heidelberg-Schule) ist der Konstruktivismus Grundlage. Probleme werden nicht als objektive Störungen behandelt, sondern als bestimmte Konstruktionen, die verändert werden können. Auch in der Organisationsberatung und im Coaching sind konstruktivistische Methoden Standard.

Kritik am Konstruktivismus

Der Konstruktivismus ist umstritten. Drei wichtige Einwände:

1. Selbstwiderspruch: Wenn alle Aussagen nur Konstruktionen sind, dann ist auch der Konstruktivismus selbst nur eine Konstruktion. Warum sollte er dann mehr Geltung beanspruchen als andere Theorien? Hilary Putnam und andere sehen darin einen logischen Fallstrick.

2. Realismus-Argument: Der naturwissenschaftliche Realismus hält dem entgegen: Auch wenn unsere Wahrnehmung konstruiert ist, gibt es Prüfsteine im Realen. Wer eine Brücke baut und sich verrechnet, stürzt ab. Die Wirklichkeit zeigt ihre „Zähne“ und korrigiert falsche Konstruktionen.

3. Ethische Bedenken: Wenn alles Konstruktion ist, lassen sich dann auch Holocaust-Leugnung oder Klimawandel-Skepsis als „legitime Konstruktionen“ verteidigen? Jürgen Habermas und andere warnen vor einem ethischen Relativismus, der aus dem Konstruktivismus erwachsen kann.

Die meisten Konstruktivisten antworten: Konstruktion bedeutet nicht Beliebigkeit. Auch Konstruktionen lassen sich nach ihrer Viabilität unterscheiden. Eine Brücke, die hält, ist besser als eine, die einstürzt – auch wenn beide „konstruiert“ sind.

Zusammenfassung:

• Konstruktivismus: Wirklichkeit ist Konstruktion, kein direkter Zugang zur Welt
• Maturana/Varela: Autopoiesis, operative Geschlossenheit, „Alles Gesagte ist von einem Beobachter gesagt“
• Ernst von Glasersfeld: radikaler Konstruktivismus, viable statt wahr
• Heinz von Foerster: Kybernetik 2. Ordnung, „Handle stets so, dass Möglichkeiten wachsen“
• Watzlawick: Wie wirklich ist die Wirklichkeit?, self-fulfilling prophecy
• Pädagogik (Piaget) und systemische Therapie
• Kritik: Selbstwiderspruch, Realismus, Relativismusgefahr

Abitur-Tipp: Lerne den Begriff viabel (statt „wahr“) und das Schlüssel-Beispiel von Glasersfeld. Verbinde den Konstruktivismus mit Kants Erkenntnistheorie (Ding an sich) – das zeigt philosophiehistorisches Bewusstsein. Bei Klausurfragen zur Wahrheit ist der Konstruktivismus eine gute Gegenposition zur Korrespondenztheorie. Kritik nicht vergessen: Selbstwiderspruchsvorwurf und Relativismusgefahr.