Die philosophische Anthropologie (von griech. ánthropos, Mensch, und lógos, Lehre) fragt: Was ist der Mensch? Was unterscheidet ihn von Tier, Gött und Maschine? Welche Stellung hat er im Kosmos? Diese Frage ist so alt wie die Philosophie selbst. Schon der orphische Spruch „Erkenne dich selbst“ am Apoll-Tempel von Delphi und Sokrates' Lebensthema kreisten um sie. Kant fasste in der Logik alle Hauptfragen der Philosophie in vier zusammen: 1. Was kann ich wissen? 2. Was soll ich tun? 3. Was darf ich hoffen? – und schließlich: „4. Was ist der Mensch? Im Grunde könnte man alles dieses zur Anthropologie rechnen, weil sich die drei ersten Fragen auf die letzte beziehen.“
Als eigenständige philosophische Disziplin entstand die Anthropologie aber erst in den 1920er Jahren in Deutschland mit Max Scheler, Helmuth Plessner und Arnold Gehlen. Ihr Anliegen: dem biologischen, soziologischen und psychologischen Wissen eine philosophische Synthese zu geben.
Aristoteles (384–322 v. Chr.) bestimmte den Menschen in seiner Politik als zōon politikón – als „staatenbildendes Lebewesen“ oder „Lebewesen, das in der Polis lebt“. Anders als Tiere lebt der Mensch nicht nur in natürlichen Gruppen, sondern in einer politischen Gemeinschaft, die durch Sprache, Recht und gemeinsame Vorstellungen vom Guten zusammengehalten wird. Daneben nennt er den Menschen zōon lógon échon – das „Lebewesen, das Sprache (oder Vernunft) hat“.
In der Renaissance schrieb der italienische Humanist Giovanni Pico della Mirandola (1463–1494) seine berühmte Rede über die Würde des Menschen (1486). Gott habe dem Menschen keine feste Natur gegeben – weder die der Pflanze, noch die des Tiers, noch die des Engels. Stattdessen sei dem Menschen die Freiheit gegeben, sich selbst zu formen. Pico lässt Gott zum Menschen sagen: „Du bist durch keinerlei Schranken eingedämmt, du sollst deine Natur nach deinem freien Willen bestimmen. [...] Du sollst dich selbst formen.“ Damit ist die moderne Idee des sich selbst entwerfenden Menschen geboren.
Max Scheler (1874–1928) gilt als einer der Begründer der modernen philosophischen Anthropologie. Sein Spätwerk Die Stellung des Menschen im Kosmos (1928) entwirft eine Stufenfolge des Lebendigen: Pflanze (Gefühlsdrang), Tier (Instinkt, assoziatives Gedächtnis, praktische Intelligenz) und Mensch.
Was den Menschen vom Tier unterscheidet, ist für Scheler nicht eine höhere Stufe der Intelligenz, sondern ein qualitativer Sprung: Der Mensch hat Geist. Geist bedeutet für Scheler die Fähigkeit zur Weltoffenheit und zur Triebabstinenz: Der Mensch kann seine eigenen Triebe verneinen, distanzieren, aufschieben. Er kann Nein sagen zum Drang. Diese Distanz ermöglicht Wissenschaft, Religion, Kunst und sittliches Handeln.
Scheler schreibt: „Der Mensch ist das X, das sich in unbeschränktem Mass ‘weltoffen’ verhalten kann.“ Während das Tier in seiner „Umwelt“ gefangen ist (Jakob von Uexküll), hat der Mensch eine Welt.
Helmuth Plessner (1892–1985) entwickelte in Die Stufen des Organischen und der Mensch (1928, gleichzeitig mit Scheler) eine subtilere Bestimmung. Sein Schlüsselbegriff heißt exzentrische Positionalität. Plessner unterscheidet drei Stufen: Pflanzen sind „offene“ Lebewesen ohne Zentrum. Tiere sind zentrisch: Sie haben ein Inneres, ein Selbsterleben, sind aber ihrer Mitte verhaftet. Der Mensch ist exzentrisch: Er hat ein Zentrum, kann aber gleichzeitig außerhalb dieses Zentrums stehen. Er kann sich selbst beobachten, sich zu sich selbst verhalten.
Daraus folgen die drei anthropologischen Grundgesetze: 1. die natürliche Künstlichkeit (der Mensch braucht Kultur, weil seine Natur unbestimmt ist), 2. die vermittelte Unmittelbarkeit (er erlebt sich selbst nur durch Reflexion), 3. der utopische Standort (er ist nirgends ganz zu Hause). Plessner ist sprachlich anspruchsvoll, aber sehr modern: Sein Mensch ist nicht festgelegt, sondern offen, ein Wesen der Distanz zu sich selbst.
Arnold Gehlen (1904–1976) beschreibt den Menschen in Der Mensch – seine Natur und seine Stellung in der Welt (1940) als Mängelwesen (ein Begriff, den er von Herder übernimmt). Anders als Tiere ist der Mensch biologisch schlecht ausgestattet: Er hat keine schnellen Beine, keine Krallen, keine dicken Felle, keine angeborenen Verhaltensmuster, die ihm das Überleben sichern. Er ist eine biologische Frühgeburt.
Diese Mangelhaftigkeit ist aber zugleich seine Stärke. Weil er nicht festgelegt ist, kann er handeln und Kultur schaffen. Gehlens zentraler Begriff heißt Institution: Da der Mensch nicht von Instinkten gesteuert wird, braucht er Institutionen (Familie, Staat, Religion, Sitte), die seine Handlungen entlasten und stabilisieren. Diese Theorie wurde im 20. Jahrhundert auch politisch instrumentalisiert – Gehlens Konservatismus geriet in die Nähe autoritärer Ideologien.
Die Frage „Was ist der Mensch?“ stellt sich heute neu. Die Hirnforschung relativiert den freien Willen. Die Genforschung erlaubt Eingriffe in die menschliche Natur. Die künstliche Intelligenz wirft die Frage auf, ob Maschinen denken können. Der Posthumanismus (Donna Haraway, Rosi Braidotti) bezweifelt die zentrale Stellung des Menschen überhaupt. Yuval Noah Harari prognostiziert in Homo Deus (2015), der Mensch werde in absehbarer Zeit durch eine neue Spezies abgelöst.
Die klassische philosophische Anthropologie bleibt aber unverzichtbar. Ihre Frage ist nicht beantwortbar mit Naturwissenschaft allein. Was ein Mensch „ist“, hängt davon ab, was er werden will und werden soll – eine normative Frage, die kein Mikroskop entscheiden kann.
Zusammenfassung:
• Philosophische Anthropologie: „Was ist der Mensch?“ (Kant)
• Aristoteles: zōon politikón und zōon lógon échon
• Pico della Mirandola (1486): Mensch als selbst formendes Wesen (Würderede)
• Scheler (1928): Mensch hat Geist, Weltoffenheit, Triebabstinenz
• Plessner: exzentrische Positionalität, drei anthropologische Grundgesetze
• Gehlen: Mensch als Mängelwesen, Institutionenlehre
• Aktuell: Posthumanismus, KI, Hirnforschung
Abitur-Tipp: Lerne die drei deutschen Klassiker Scheler, Plessner, Gehlen mit je einem Schlüsselbegriff (Geist, exzentrische Positionalität, Mängelwesen). Pico della Mirandolas Würderede ist immer ein gutes historisches Anker-Zitat. Verbinde die Anthropologie mit der Existenzphilosophie (Sartre: „Existenz vor Wesen“) – das zeigt thematische Verbindungslinien.