Der amerikanische Entwicklungspsychologe Lawrence Kohlberg (1927–1987) wollte eine alte philosophische Frage empirisch beantworten: Wie entwickelt sich das moralische Urteil eines Menschen? Sein Lehrer war der Schweizer Jean Piaget, der bereits 1932 in Le jugement moral chez l'enfant kindliche Moralvorstellungen untersucht hatte. Kohlberg baute darauf auf und legte 1958 in seiner Doktorarbeit an der University of Chicago den Grundstein für ein bis heute einflussreiches Stufenmodell der moralischen Entwicklung.
Sein Vorgehen: Er konfrontierte Versuchspersonen unterschiedlichen Alters mit hypothetischen moralischen Dilemmata und analysierte nicht ihre Antworten, sondern ihre Begründungen. Daraus filterte er sechs typische Argumentationsmuster heraus, die er als aufeinander aufbauende Stufen verstand.
Das berühmteste Dilemma Kohlbergs ist das Heinz-Dilemma: Heinzens Frau ist todkrank. Es gibt ein Medikament, das sie retten könnte, doch der Apotheker verlangt zehnmal so viel, wie die Herstellung kostet. Heinz kann das Geld nicht aufbringen, der Apotheker ist nicht zu Konzessionen bereit. Soll Heinz das Medikament stehlen?
Kohlberg interessiert nicht das Ja oder Nein, sondern das Warum. Ein Kind, das „Nein, weil er ins Gefängnis kommt“ sagt, denkt anders als ein Erwachsener, der argumentiert: „Ja, weil das Recht auf Leben über dem Eigentumsrecht steht.“ Beide kommen vielleicht zu denselben Schlüssen, aber die Stufe der moralischen Reife ist verschieden.
I. Präkonventionelles Niveau (Kinder, manche Erwachsene)
Stufe 1: Orientierung an Strafe und Gehorsam. „Es ist falsch, weil man bestraft wird.“
Stufe 2: Instrumenteller Hedonismus. „Tust du mir was, tu ich dir was.“ Moral als Tausch.
II. Konventionelles Niveau (Jugendliche, Mehrheit der Erwachsenen)
Stufe 3: Orientierung am „guten Jungen / lieben Mädchen“. Moral als das, was die Bezugsgruppe erwartet.
Stufe 4: Recht und Ordnung. „Gesetz ist Gesetz; Pflichterfüllung gegenüber dem System.“
III. Postkonventionelles Niveau (kleinere Minderheit)
Stufe 5: Sozialvertrags-Orientierung. Gesetze sind änderbar im Lichte allgemeiner Rechte (vgl. John Rawls).
Stufe 6: Universelle ethische Prinzipien. Das Gewissen orientiert sich an Prinzipien wie der Goldenen Regel oder Kants kategorischem Imperativ. Hier nennt Kohlberg ausdrücklich Sokrates, Gandhi und Martin Luther King als Beispiele.
Kohlberg vertritt drei starke Thesen: Erstens, die Stufen sind universell – alle Menschen aller Kulturen durchlaufen sie in derselben Reihenfolge. Zweitens, sie sind invariant – man kann keine Stufe überspringen. Drittens, sie sind hierarchisch – eine höhere Stufe ist besser, weil sie mehr Perspektiven integriert. Damit verbindet Kohlberg empirische Psychologie mit normativer Ethik – ein bewusster Versuch, Hume zu widerlegen, der Sein und Sollen strikt trennte.
Die stärkste und einflussreichste Kritik kam aus Kohlbergs eigenem Umfeld. Carol Gilligan, früher seine Mitarbeiterin, veröffentlichte 1982 das Buch In a Different Voice. Sie zeigte, dass Mädchen in Kohlbergs Skala systematisch niedriger abschnitten als Jungen – nicht, weil sie weniger moralisch entwickelt wären, sondern weil sie anders argumentieren.
Gilligan schreibt: „The standard of moral judgment that informs Kohlberg's theory is a justice perspective. The conception of morality as concerned with the activity of care centers moral development around the understanding of responsibility and relationships.“ (Gilligan, In a Different Voice, 1982)
Während Kohlbergs Spitzenstufe abstrakte Prinzipien preist, betont Gilligan eine andere „Stimme“: die Care-Ethik. Hier ist Moral nicht Gerechtigkeit nach Regeln, sondern Fürsorge in konkreten Beziehungen. Beim Heinz-Dilemma fragen viele Mädchen: „Kann Heinz nicht mit dem Apotheker reden? Wird die Beziehung der Familie unter dem Diebstahl leiden?“ Für Kohlbergs Schema klingt das nach Stufe 3 – für Gilligan ist es eine ebenso reife, aber andersartige Moral.
Kulturalismus: Spätere Studien (z. B. Joan Miller in Indien) zeigten, dass nicht-westliche Gesellschaften die Stufen anders ordnen. Der angeblich universelle Charakter ist umstritten.
Wort vs. Tat: Wer auf Stufe 6 argumentiert, handelt nicht zwingend so. Das berühmte Milgram-Experiment (1961) zeigte, dass selbst gebildete Menschen unter Autoritätsdruck moralisch versagen.
Stufe 6 als Fiktion: In späteren Studien ließ Kohlberg selbst die sechste Stufe als „theoretisches Ideal“ beiseite, weil sie empirisch kaum nachweisbar war.
Zusammenfassung:
• Kohlberg (Doktorarbeit 1958): empirisches Modell der Moralentwicklung
• Heinz-Dilemma als Forschungsinstrument
• 6 Stufen in 3 Niveaus: präkonventionell – konventionell – postkonventionell
• Spitze: kategorischer Imperativ (Kant) als Stufe 6
• Carol Gilligan, In a Different Voice (1982): Care-Ethik als gleichwertige Stimme
• Kritik: Kulturalismus, Wort-Tat-Kluft, Stufe 6 selten
Abitur-Tipp: Lerne die sechs Stufen mit je einem Stichwort – das Heinz-Dilemma als konkreten Anker. Wenn die Aufgabe „Moralentwicklung“ oder „Moralpsychologie“ nennt, gehört Gilligan immer dazu: Ihre Care-Kritik zeigt die Grenzen der Justice-Ethik. Die Brücke zur klassischen Ethik: Kohlbergs Stufe 6 ist Kant, Stufe 5 ist Rawls, Stufe 4 ist Hobbes/Hegel.