Das Reihungsprinzip ist eines der drei grundlegenden musikalischen Formprinzipien, die im hessischen Abiturerlass Musik genannt werden. Anders als beim dialektischen oder beim Variationsprinzip werden beim Reihungsprinzip klar abgegrenzte Abschnitte aneinandergereiht, ohne dass sie sich aus einem gemeinsamen Keim heraus entwickeln. Jeder Abschnitt ist in sich geschlossen, kontrastiert mit dem nächsten und behält seinen eigenen Charakter.
Das Reihungsprinzip ist das älteste und natürlichste Formprinzip der abendländischen Musik. Schon im frühen Mittelalter, in Volksliedern, Tänzen und liturgischen Gesängen, finden wir Strophenformen und einfache Aneinanderreihungen. Auch heute noch ist es in der Popmusik die bei weitem häufigste Form: Strophe – Refrain – Strophe – Refrain ist nichts anderes als ein Reihungsprinzip.
Das wesentliche Kriterium lautet: Kontrast statt Entwicklung. Die einzelnen Teile (A, B, C ...) stehen nebeneinander wie Perlen auf einer Schnur. Sie können wiederkehren, sie können variiert werden, aber sie wachsen nicht im hegelschen Sinne dialektisch auseinander hervor.
Die wohl bekannteste Reihungsform ist die dreiteilige Liedform (A–B–A). Sie besteht aus einem Hauptteil A, einem kontrastierenden Mittelteil B und einer Wiederkehr von A. Ein Beispiel dafür ist das Menuett der Wiener Klassik: Es besteht aus dem Menuett (A), dem Trio (B) und der Wiederholung des Menuetts (A). Bei Haydn und Mozart findet man unzählige Beispiele – etwa in Mozarts Sinfonie Nr. 40 g-Moll (KV 550), wo der dritte Satz ein klares Beispiel ist.
Auch die zweiteilige Liedform (A–B oder A–A′) und die Bogenform (A–B–C–B–A) gehören zum Reihungsprinzip. Béla Bartók nutzte die Bogenform in seiner Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta (1936) systematisch.
Charakteristisch für die Liedformen ist die klare metrische Periodisierung: 8-taktige Vorder- und Nachsätze, abgerundete Phrasen, oft mit Wiederholungszeichen.
Das Rondo ist die klassische Reihungsform schlechthin. Sein Schema lautet: A–B–A–C–A–D–A oder ähnlich. Der wiederkehrende Teil A heißt Refrain oder Ritornell, die dazwischenstehenden Teile B, C, D heißen Couplets oder Episoden. Der Refrain bleibt stets in der Tonika; die Couplets modulieren in verwandte Tonarten (Dominante, Parallele, Subdominante).
Das Rondo ist im 17. Jahrhundert in Frankreich entstanden (Couperin, Rameau) und wurde in der Wiener Klassik als Finalsatz von Sinfonien und Konzerten beliebt. Beispiele:
• Mozart: Klavierkonzert A-Dur KV 488, 3. Satz (Allegro assai)
• Beethoven: Klaviersonate „Pathétique“ op. 13, 3. Satz (Rondo)
• Haydn: zahlreiche Sinfoniefinali, z. B. Sinfonie Nr. 88 G-Dur
Eine Sonderform ist das Sonatenrondo, das Elemente der Sonatenhauptsatzform integriert. Beethoven verwendet es etwa im Finale seines 4. Klavierkonzerts.
Die Suite ist eine barocke Reihungsform, die mehrere Tanzsätze in derselben Tonart aneinanderreiht. Die typische Reihenfolge lautet: Allemande – Courante – Sarabande – Gigue, oft erweitert um Menuett, Bourrée, Gavotte oder Air. Jeder Satz hat seinen eigenen rhythmischen Charakter, sein eigenes Tempo, sein eigenes Metrum – der Kontrast entsteht durch die Reihung verschiedener Tanztypen.
Klassische Beispiele:
• Johann Sebastian Bach: Englische Suiten BWV 806–811, Französische Suiten BWV 812–817, Cellosuiten BWV 1007–1012
• Bach: Orchestersuiten BWV 1066–1069 (mit der berühmten Air aus der 3. Suite)
• Händel: Wassermusik HWV 348–350
Die Suite beruht ganz auf dem Reihungsprinzip: Die Sätze stehen nebeneinander, ohne thematische Verbindung. Was sie zusammenhält, ist die gemeinsame Tonart und der gemeinsame Rahmen.
In der Popmusik ist das Reihungsprinzip dominant. Das übliche Schema lautet: Intro – Verse – Chorus – Verse – Chorus – Bridge – Chorus – Outro. Der Chorus übernimmt die Funktion des Refrains, die Verses (Strophen) bringen wechselnden Text bei gleichbleibender Musik.
Beispiele:
• Beatles „Hey Jude“ (1968): Ausgeprägtes Reihungsschema mit langem Outro
• Queen „Bohemian Rhapsody“ (1975): Mehrere stark kontrastierende Abschnitte (Ballade – Oper – Rock) als extreme Reihungsform
• Adele „Rolling in the Deep“ (2010): Klassisches Verse-Chorus-Schema
Auch das AABA-Schema (32-bar form) der Tin Pan Alley und des Jazz-Standards (z. B. Gershwin „I Got Rhythm“) ist eine reine Reihungsform.
Die folgende Übersicht zeigt die wichtigsten Reihungsformen im Vergleich:
| Form | Schema | Epoche | Beispiel |
|---|---|---|---|
| Liedform (3-teilig) | A-B-A | alle Epochen | Mozart Menuett KV 550 |
| Rondo | A-B-A-C-A | Barock/Klassik | Beethoven op. 13/3 |
| Suite | Tanz-Tanz-Tanz | Barock | Bach Cellosuiten |
| Verse-Chorus | V-C-V-C-B-C | Pop ab 1960 | Beatles „Hey Jude“ |
| AABA | A-A-B-A | Jazz/Pop | Gershwin |
Das Reihungsprinzip ist die musikalische Grundform schlechthin. Während das dialektische Prinzip der Wiener Klassik gleichsam philosophische Konflikte musikalisch verhandelt, bleibt das Reihungsprinzip dem Hörer zugänglicher: Es bietet wiederkehrendes Bekanntes, klare Abschnitte und sorgt für unmittelbare Hörfreundlichkeit. Gerade deshalb dominiert es bis heute die populäre Musik.
Im hessischen Abiturerlass wird das Reihungsprinzip häufig im Vergleich zur Sonatenhauptsatzform abgeprüft – um zu zeigen, wie unterschiedlich Komponisten Material organisieren können: statisch reihend oder dynamisch entwickelnd.
Zusammenfassung:
• Das Reihungsprinzip basiert auf Kontrast und Wiederholung, nicht auf Entwicklung
• Wichtige Formen: Liedform, Rondo, Suite, Verse-Chorus, AABA
• Im Barock prägt es die Suite (Bach), in der Klassik das Rondo (Mozart, Beethoven)
• In der Popmusik ist es bis heute das dominierende Formprinzip
• Gegensatz zum dialektischen Prinzip der Sonatenhauptsatzform
Abitur-Tipp: In der Klausur kannst du das Reihungsprinzip oft an einem einfachen Beispiel zeigen (z. B. Bach-Suite oder Beatles-Song). Wichtig ist, dass du die Formteile mit Buchstaben (A, B, C ...) klar benennst und ihre Wiederkehr beschreibst. Punkte holst du dir, wenn du den Unterschied zur Sonatenhauptsatzform deutlich machen kannst: Reihung statt dialektischer Entwicklung.