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Musik und Sprache

Das Wort-Ton-Verhältnis

Das Verhältnis zwischen Wort und Ton gehört zu den ältesten und tiefsten Fragen der Musikgeschichte. Wo immer Texte vertont werden – im Lied, in der Oper, in der Messe, im Oratorium – muss der Komponist eine Entscheidung treffen: Soll die Musik dem Text dienen, oder soll der Text der Musik untergeordnet sein? Wer ist Herr, wer ist Diener?

Diese Frage zieht sich durch die Jahrhunderte. Im Mittelalter herrschte die einstimmige Gregorianik, in der das geistliche Wort eindeutig im Vordergrund stand. In der Renaissance entwickelte sich die Vokalpolyphonie, bei der der Text oft kaum noch verständlich war. Auf dem Konzil von Trient (1545–1563) drohte daraufhin sogar das Verbot der mehrstimmigen Kirchenmusik – bis Palestrina mit seiner „Missa Papae Marcelli“ bewies, dass auch in der Polyphonie der Text klar bleiben kann.

Mit der Geburt der Oper um 1600 (Monteverdi) entstand der Anspruch, Musik ganz aus dem Wort heraus zu entwickeln – die Camerata fiorentina wollte die antike Tragödie wiederbeleben. Im 19. Jahrhundert dann erhöhte Wagner das Wort-Ton-Verhältnis zum Gesamtkunstwerk.

Das Strophenlied

Das Strophenlied ist die einfachste Form der Textvertonung: Alle Strophen werden zur gleichen Melodie gesungen. Das Volkslied („Der Mond ist aufgegangen“, „Es klappert die Mühle am rauschenden Bach“) folgt diesem Prinzip. Auch viele Kunstlieder von Schubert, Schumann oder Brahms sind Strophenlieder, allerdings oft mit kleinen Variationen.

Vorteil: Eingängigkeit und Wiedererkennungswert. Nachteil: Die Musik kann nicht auf den unterschiedlichen Inhalt jeder einzelnen Strophe eingehen.

Das variierte Strophenlied löst diesen Konflikt teilweise: Es behält das Grundgerüst bei, verändert aber Details (Begleitung, Harmonik, Tonart) je nach Strophe. Schubert nutzt diese Technik etwa in „Das Wandern“ aus der „Schönen Müllerin“.

Das durchkomponierte Lied

Beim durchkomponierten Lied hat jede Strophe ihre eigene Musik. Der Komponist passt die Vertonung jedem Textabschnitt individuell an. Diese Form erreicht ihre höchste Ausdrucksdichte, weil Musik und Text gemeinsam eine dramatische Entwicklung durchlaufen können.

Das berühmteste Beispiel der Musikgeschichte ist Franz Schuberts „Erlkönig“ (D 328, 1815) nach Goethes Ballade. Schubert komponierte das Lied im Alter von nur 18 Jahren in einer einzigen Nachmittagsstunde – und schuf damit ein Meisterwerk der dramatischen Liedkunst.

Schuberts Erlkönig im Detail

Im Erlkönig treten vier Personen auf: der Erzähler, der Vater, das Kind und der Erlkönig. Schubert charakterisiert jede Figur durch eine eigene musikalische Gestalt:

Erzähler: Mittlere Lage, sachlich, in g-Moll
Vater: Tiefe Lage, beruhigend, fest
Kind: Hohe Lage, dissonante Auftaktnoten, panische Halbtonschritte
Erlkönig: Schmeichelnde Dur-Melodien, zunächst freundlich (B-Dur, C-Dur), bei der Bedrohung mit harmonischen Verschiebungen

Das gesamte Lied wird von einer rasenden Sechzehnteltriolen-Begleitung im Klavier getragen, die das Galoppieren des Pferdes durch die Nacht darstellt. Der dramatische Höhepunkt ist erreicht, wenn die Triolen plötzlich aussetzen und der Erzähler im Rezitativ verkündet: „In seinen Armen das Kind war tot.“

Schubert hat damit das durchkomponierte Lied als höchste Form der Wortvertonung etabliert. Sein Werk ist bis heute Prüfstein für jedes Verständnis vom Wort-Ton-Verhältnis.

Programmmusik vs. absolute Musik

Eine andere Form, in der Musik und Sprache aufeinander treffen, ist die Programmmusik. Hierbei orientiert sich Instrumentalmusik an außermusikalischen Inhalten – einer Geschichte, einem Bild, einem Naturphänomen, einer Idee. Der Komponist gibt dem Hörer ein „Programm“ an die Hand, das die Musik verständlich machen soll.

Beispiele für Programmmusik:

Antonio Vivaldi „Die vier Jahreszeiten“ (1725): Vier Solokonzerte mit beigefügten Sonetten
Hector Berlioz „Symphonie fantastique“ op. 14 (1830): Eine selbstbiografische Geschichte mit fünf Sätzen
Bedrich Smetana „Die Moldau“ (1874): Tonmalerei eines Flusses von der Quelle bis zur Mündung
Richard Strauss „Till Eulenspiegels lustige Streiche“ (1895): Sinfonische Dichtung

Im Gegensatz dazu steht die absolute Musik: rein instrumentale Musik ohne außermusikalische Bedeutung. Eduard Hanslick verteidigte sie im 19. Jahrhundert gegen die Programmmusik. Für Hanslick ist Musik nichts anderes als „tönend bewegte Formen“.

Tonmalerei und Wortausdeutung

Eine besondere Form der Beziehung zwischen Wort und Ton ist die Tonmalerei (Madrigalismus): Ein einzelnes Wort wird musikalisch unmittelbar „gemalt“. Beispiele:

• Bei dem Wort „steigen“ klingt eine aufsteigende Linie
• Bei dem Wort „Dornen“ erklingen scharfe Dissonanzen
• Bei dem Wort „Tod“ sinkt die Stimme abrupt oder bricht ab
• Bei dem Wort „Himmel“ erscheinen helle, hohe Akkorde

Diese Technik ist seit dem 16. Jahrhundert (italienisches Madrigal) ein zentrales Mittel der Wortvertonung. Auch Bach nutzt sie systematisch in seinen Kantaten und Passionen. In den Matthäus- und Johannespassionen finden sich Hunderte solcher rhetorischer Figuren.

Bedeutung im musikgeschichtlichen Kontext

Die Frage nach dem Wort-Ton-Verhältnis ist eine der zentralen Fragen, an denen sich die Komponisten aller Epochen abgearbeitet haben. Die Wiener Klassik (Mozart in seinen Opern, etwa „Die Zauberflöte“ oder „Figaros Hochzeit“) fand eine ausgewogene Lösung. Die Romantik (Schubert, Schumann, Wolf) trieb die Wortvertonung zu lyrischer Höchstform. Wagner schließlich strebte die vollständige Verschmelzung von Wort und Ton im Gesamtkunstwerk an.

Im hessischen Abiturerlass ist das Wort-Ton-Verhältnis ein Pflichtthema. Schuberts Erlkönig ist eines der meistanalysierten Werke der Schulmusik überhaupt.

Zusammenfassung:

• Wort-Ton-Verhältnis: Wer dient wem – Musik dem Text oder umgekehrt?
• Strophenlied: gleiche Melodie für alle Strophen (Volkslied)
• Durchkomponiertes Lied: jede Strophe eigene Musik (Schubert „Erlkönig“ D 328)
• Programmmusik: außermusikalisches Programm (Vivaldi, Berlioz, Smetana)
• Absolute Musik: rein instrumental, ohne außermusikalische Bedeutung (Hanslick)
• Tonmalerei: einzelne Wörter werden musikalisch dargestellt

Abitur-Tipp: Bei der Analyse von vertonten Texten gehe immer beide Wege: Beschreibe erst den Text (Inhalt, Form, Stimmung) und dann die Musik (Melodik, Harmonik, Rhythmik, Begleitung). Ihre Verbindung benennst du am Schluss: „Schubert reagiert auf Goethes Text durch ...“. Schuberts Erlkönig ist DAS Standardbeispiel – lerne ihn auswendig.