Musik und Malerei werden seit der Antike als Schwesterkünste verstanden. Beide arbeiten mit Komposition, Rhythmus, Farbe (im übertragenen wie im konkreten Sinn), Hell-Dunkel-Kontrasten und Proportionen. Doch während die Malerei statisch ist und das Auge in einem Augenblick erfasst, was sie zeigt, entfaltet sich Musik im Verlauf der Zeit. Zwischen beiden besteht eine alte Sehnsucht: Die Musik möchte malen, die Malerei möchte klingen.
Im Abitur Musik (Hessen 2026) ist das Verhältnis von Musik und Malerei besonders im Themenfeld „Musik und ihre Bezüge zu anderen Künsten“ verankert. Hier geht es um die Frage, wie Komponisten visuelle Eindrücke in Klang übersetzt haben – und umgekehrt, wie Maler von der Musik inspiriert wurden.
Das berühmteste Beispiel für die musikalische Umsetzung von Bildern ist der Klavierzyklus „Bilder einer Ausstellung“ (russisch: „Kartinki s wystawki“) von Modest Mussorgsky (1874). Anlass war der frühe Tod seines Freundes, des Malers Viktor Hartmann. Mussorgsky besuchte eine Gedächtnisausstellung mit Hartmanns Werken und vertonte zehn der gezeigten Bilder.
Die Form des Werks ist genial: Die einzelnen Stücke werden durch eine wiederkehrende „Promenade“ verbunden, die das Schreiten des Besuchers durch die Ausstellung darstellt. Diese Promenade kehrt mehrfach wieder, erscheint aber jedes Mal im Charakter verändert – mal heiter, mal nachdenklich, mal erregt – je nachdem, welches Bild der Besucher gerade gesehen hat.
Die zehn Bilder umfassen u. a.:
• Gnomus (Ein Zwerg): Schroffe, abrupte Bewegungen
• Il vecchio castello (Das alte Schloss): Melancholische Mittelalter-Atmosphäre
• Bydlo (Polnischer Ochsenkarren): Schwere, schreitende Bassakkorde
• Ballett der Kuken in ihren Eierschalen: Filigrane Vogelfiguren
• Die Hütte der Baba-Yaga: Wilde russische Hexenmusik
• Das große Tor von Kiew: Monumentaler Schluss in der Tradition russischer Volkshymnen
1922 hat Maurice Ravel das Werk für großes Orchester instrumentiert – in dieser Fassung ist es bis heute am bekanntesten.
Unter Synaesthesie versteht man das Phänomen, dass ein Sinneseindruck einen anderen mit auslöst. Eine echte Synaesthetikerin sieht beim Hören eines bestimmten Tones eine bestimmte Farbe. Etwa zwei bis vier Prozent aller Menschen haben diese Fähigkeit. Auch unter Komponisten und Malern war Synaesthesie auffällig oft anzutreffen.
Bekannte Synaesthetiker:
• Alexander Skrjabin (1872–1915): Russischer Komponist, der jeder Tonart eine Farbe zuordnete
• Olivier Messiaen (1908–1992): Französischer Komponist, der Akkorde als Farbkomplexe wahrnahm
• Wassily Kandinsky (1866–1944): Russischer Maler, dessen Gemälde von Klangerlebnissen inspiriert waren
Alexander Skrjabin entwickelte eine eigene Theorie der Tonart-Farbe-Zuordnung. Für ihn entsprach C-Dur einem leuchtenden Rot, F-Dur einem dunklen Rot, G-Dur einem Orange, D-Dur einem Goldgelb. Dies war für ihn keine willkürliche Konvention, sondern eine künstlerische Wahrheit.
In seinem späten Orchesterwerk „Prométhée – Le Poème du Feu“ op. 60 (1910) sah Skrjabin sogar eine eigene Stimme für ein „Farbenklavier“ (Clavier à lumières) vor: ein Instrument, das während der Aufführung den Saal in wechselnde Farben tauchen sollte. Skrjabin erlebte zu seinen Lebzeiten allerdings keine technisch überzeugende Aufführung dieser Idee.
Eine der berühmtesten Begegnungen zwischen Maler und Komponist fand 1911 statt: Der Maler Wassily Kandinsky besuchte ein Konzert von Arnold Schönberg in München. Kandinsky war so begeistert von der atonalen Musik, die er hörte, dass er noch am selben Abend ein Bild malte („Impression III – Konzert“) und Schönberg einen Brief schrieb.
Es entwickelte sich eine intensive Freundschaft, die in zahlreichen Briefen dokumentiert ist. Beide Künstler arbeiteten an einer Sprengung der traditionellen Grenzen ihrer Künste: Kandinsky war auf dem Weg zur abstrakten Malerei, Schönberg zur Atonalität. Beide fühlten sich als Verbündete in einer Revolution der Künste.
Kandinsky schrieb 1911 sein theoretisches Buch „Über das Geistige in der Kunst“, in dem er die Malerei mit musikalischen Begriffen beschreibt: Klang, Komposition, Rhythmus, Harmonie. Für ihn war die Musik die fortgeschrittenste Kunst, weil sie sich am weitesten von der Nachahmung der Wirklichkeit entfernt hatte. Kandinsky wollte dasselbe in der Malerei erreichen.
Auch jenseits von Mussorgsky gibt es bedeutende Werke, die direkt auf Bilder Bezug nehmen:
• Sergej Rachmaninow: Sinfonische Dichtung „Die Toteninsel“ op. 29 (1908) nach dem gleichnamigen Gemälde von Arnold Böcklin
• Franz Liszt: „Sposalizio“ (Die Vermählung) aus „Années de pèlerinage“ nach Raffaels Gemälde
• Paul Hindemith: Sinfonie „Mathis der Maler“ (1934) nach Bildern des Isenheimer Altars von Matthias Grünewald
• Maurice Ravel: „Gaspard de la nuit“ (1908) – angeregt von Gedichten und deren bildlicher Vorstellungswelt
Der Dialog zwischen Musik und Malerei ist eine der reichsten Quellen der modernen Kunst. Er hat die Grenzen der einzelnen Künste aufgeweicht und neue Ausdrucksmöglichkeiten geschaffen. Im 20. Jahrhundert mündet diese Bewegung in das Konzept des Gesamtkunstwerks und in multimediale Performances.
Im hessischen Abiturerlass wird Musik und Malerei als Teilthema im Bereich „Musik und ihre Bezüge“ behandelt. Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ ist ein Standardwerk für die Prüfung.
Zusammenfassung:
• Musik und Malerei als Schwesterkünste mit alter Sehnsucht nach gegenseitigem Austausch
• Mussorgsky „Bilder einer Ausstellung“ (1874) nach Hartmanns Bildern
• Synaesthesie: Verbindung von Klang und Farbe (Skrjabin, Messiaen)
• Skrjabin „Prométhée“ op. 60 (1910) mit Farbenklavier
• Kandinsky-Schönberg-Begegnung 1911: Aufbruch zu Abstraktion und Atonalität
Abitur-Tipp: Bei Aufgaben zu „Musik und Malerei“ lohnt es sich, immer Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ als Hauptbeispiel zu nennen. Erkläre die Funktion der Promenade als Verbindungselement und nenne mindestens zwei der Bilder mit ihrer musikalischen Charakteristik. Der Hinweis auf Kandinsky und Schönberg bringt zusätzlich Punkte.