Der musikalische Expressionismus ist eine Strömung der ersten beiden Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts. Während der Impressionismus über den Klangeindruck in die Außenwelt zielt, dringt der Expressionismus tief ins Innere des Menschen vor. Er will keine Stimmungsbilder zeigen, sondern seelische Extreme ausdrücken: Angst, Verzweiflung, Wahn, Visionen, Träume.
Damit reagiert die Musik auf eine Zeit der Krise: Die bürgerliche Welt beginnt zu zerbrechen, Sigmund Freud erforscht das Unbewusste, der Erste Weltkrieg gerückt näher. Die Maler des Expressionismus (Kirchner, Nolde, Kokoschka, Munch) malen verzerrte Gesichter, gegrelltes Kolorit und Albtraumvisionen. Die Musik geht denselben Weg.
Zentrum des musikalischen Expressionismus ist Wien. Hier wirken die drei Komponisten der Zweiten Wiener Schule: Arnold Schönberg und seine Schüler Alban Berg und Anton Webern.
Arnold Schönberg (1874–1951) ist die zentrale Figur des musikalischen Expressionismus. Er begann als Spätromantiker (Streichsextett „Verklärte Nacht“ op. 4 von 1899), entwickelte sich aber rasch zu einer radikal neuen Tonsprache. Um 1908 vollzog er den entscheidenden Schritt: die Aufgabe der Tonalität, also der Bindung an Dur- und Moll-Tonarten. Damit war die Atonalität geboren.
Wichtige expressionistische Werke:
• Drei Klavierstücke op. 11 (1909) – erste vollständig atonale Komposition
• Fünf Orchesterstücke op. 16 (1909)
• Erwartung op. 17 (1909) – Monodram für Sopran und Orchester
• Pierrot lunaire op. 21 (1912)
• Die glückliche Hand op. 18 (1913)
Schönbergs „Pierrot lunaire“ (1912) ist das Schlüsselwerk des Expressionismus. Er besteht aus 21 kurzen Stücken nach Gedichten von Albert Giraud (in deutscher Übersetzung). Besetzung: eine Sprechstimme und fünf Instrumentalisten, die acht Instrumente bespielen (Flöte/Piccolo, Klarinette/Bassklarinette, Geige/Bratsche, Cello, Klavier).
Schönbergs Innovation ist hier der Sprechgesang: Die Sprechstimme intoniert die Tonhöhen nur kurz und lässt sie sofort wieder abgleiten. So entsteht ein Zwischending aus Sprechen und Singen, das den Albtraumcharakter des Werks verstärkt. Pierrot, der bleiche Mondtraurige, halluziniert von Mondblumen, schwarzen Schmetterlingen und Galgenliedern. Die Musik begleitet diese Visionen mit dichtester Atonalität.
Pierrot lunaire war ein Schock für das Publikum. Der Komponist Igor Strawinsky bezeichnete es als „das Sonnengeflecht und den Solarplexus der modernen Musik“.
Unter Atonalität versteht man Musik, die auf die Bezugnahme zu einem Grundton (Tonika) verzichtet. Es gibt kein Dur und kein Moll, keine Tonart und keine Funktionsharmonik. Stattdessen werden die zwölf Töne der chromatischen Skala gleichberechtigt verwendet. Schönberg sprach lieber von „pantonaler“ Musik, weil „atonal“ ihm zu negativ klang.
Die Atonalität ist die radikalste Konsequenz aus der zunehmenden Chromatisierung der Spätromantik (Wagners „Tristan“-Akkord war ein erster Schritt). Schönberg sah sich nicht als Revolutionär, sondern als logischen Fortführer der deutschen Tradition.
Um die freie Atonalität zu strukturieren, entwickelte Schönberg ab etwa 1921 die Zwölftontechnik (auch dodekaphone Technik). Ihr Prinzip: Eine Reihe von zwölf Tönen wird festgelegt, in der jeder chromatische Ton genau einmal vorkommt. Diese Reihe bildet die Grundlage des ganzen Werks. Sie kann in vier Grundgestalten verwendet werden:
• Original (Grundgestalt)
• Krebs (rückwärts)
• Umkehrung (gespiegelt)
• Krebsumkehrung (rückwärts gespiegelt)
Jede dieser vier Gestalten kann auf alle zwölf chromatischen Stufen transponiert werden – das ergibt 48 mögliche Reihenformen. Mit dieser Methode schrieb Schönberg etwa seine Suite für Klavier op. 25 (1923), das erste konsequent zwölftontechnische Werk.
Alban Berg (1885–1935) war Schönbergs erster bedeutender Schüler. Berg verband die expressionistische Tonsprache mit emotionaler Wärme und romantischen Resten. Seine Hauptwerke gehören zum Bewegendsten, was die Moderne hervorgebracht hat.
• Wozzeck (1922) – Oper nach Georg Büchners Drama. Die Geschichte eines Soldaten, der dem Wahnsinn verfällt und seine Geliebte ermordet, ist musikalisch in 15 Szenen umgesetzt, jede mit ihrer eigenen Form (Suite, Passacaglia, Sonatensatz, Variationen).
• Lyrische Suite für Streichquartett (1926)
• Lulu (1937, Fragment) – zweite Oper
• Violinkonzert „Dem Andenken eines Engels“ (1935)
Anton Webern (1883–1945) war Schönbergs zweiter wichtiger Schüler. Sein Stil ist das Gegenteil von Berg: extreme Verdichtung, kurze Stücke, höchste Ökonomie der Mittel. Manche seiner Bagatellen für Streichquartett dauern nur 30 Sekunden.
• Fünf Sätze für Streichquartett op. 5 (1909)
• Bagatellen op. 9 (1913)
• Sinfonie op. 21 (1928)
• Variationen für Klavier op. 27 (1936)
Webern wurde zur wichtigsten Inspirationsquelle der Komponisten der Nachkriegszeit (Boulez, Stockhausen). Sein Stil bildete den Ausgangspunkt der seriellen Musik der 1950er-Jahre.
Die Wiener Schule sah sich in direkter Tradition der ersten Wiener Schule (Haydn, Mozart, Beethoven). Schönberg verstand seine Zwölftontechnik nicht als Bruch, sondern als logische Konsequenz der motivisch-thematischen Arbeit Beethovens und Brahms’. Sein Aufsatz „Brahms der Fortschrittliche“ macht das deutlich.
Im hessischen Abiturerlass ist der Expressionismus ein wichtiges Kapitel. Pierrot lunaire und Wozzeck sind Standardwerke für die Prüfung.
Zusammenfassung:
• Musikalischer Expressionismus 1908–1925, Zentrum Wien
• Zweite Wiener Schule: Schönberg, Berg, Webern
• Schlüsselwerk: Schönberg „Pierrot lunaire“ op. 21 (1912) mit Sprechgesang
• Atonalität = Aufgabe der Dur-/Moll-Tonalität
• Zwölftontechnik ab 1921: 12 Töne in fester Reihe
• Berg „Wozzeck“ (1922), Webern „Sinfonie op. 21“ (1928)
Abitur-Tipp: Bei Aufgaben zur Atonalität solltest du den Unterschied zwischen freier Atonalität (1908–1921, z. B. Pierrot) und Zwölftontechnik (ab 1923) klar benennen können. Erkläre die vier Reihenformen (Original, Krebs, Umkehrung, Krebsumkehrung) und nenne mit Pierrot lunaire ein konkretes Beispiel. Der Bezug zu Munchs Bild „Der Schrei“ bringt zusätzlich Punkte.