Der Neoklassizismus ist eine Hauptströmung der Musik des 20. Jahrhunderts, die etwa zwischen 1920 und 1950 blüht. Sein Programm: Rückkehr zu Klarheit, Form, Maß und sachlicher Eleganz nach den emotionalen Exzessen der Spätromantik und der Schroffheit des Expressionismus. Die Komponisten greifen auf Modelle des Barock und der Wiener Klassik zurück – jedoch mit modernen Mitteln (Dissonanzen, neue Rhythmen, ungewöhnliche Instrumentation).
Das Schlagwort lautet: „Zurück zu Bach!“ Bach ist das Vorbild der Stunde – nicht als Stilkopie, sondern als Symbol für handwerkliche Solidität, kontrapunktisches Denken und sachliche Architektur. Die Idee dahinter ist eine Überwindung der ich-zentrierten Romantik durch eine neue, „objektive“ Musik.
Historischer Hintergrund: Der Erste Weltkrieg hatte das Vertrauen in die bürgerliche Kultur erschüttert. Die Komponisten suchten nach neuen Maßstäben – und fanden sie im Vorbild der Vergangenheit.
Igor Strawinsky (1882–1971) ist die zentrale Figur des Neoklassizismus. Geboren in Russland, lebte er später in Frankreich und in den USA. Sein Werk durchläuft drei klar abgegrenzte Phasen: die russische Phase (Sacre du Printemps, 1913), die neoklassische Phase (ab 1920) und die serielle Spätphase (ab 1953).
Den entscheidenden Anstoß zum Neoklassizismus gab das Ballett „Pulcinella“ (1920). Sergej Diaghilew, der Leiter der Ballets Russes, hatte Strawinsky Manuskripte des italienischen Barockkomponisten Pergolesi vorgelegt (später stellte sich heraus, dass viele davon nicht von Pergolesi stammten). Strawinsky bearbeitete sie zu einem Ballett – und entdeckte dabei eine neue Ästhetik: die Verbindung von alter Form und moderner Klangsprache.
Wichtige neoklassische Werke Strawinskys:
• Pulcinella (1920) – Beginn der neoklassischen Phase
• Oktett für Bläser (1923)
• Sinfonie der Psalmen (1930)
• Konzert in Es „Dumbarton Oaks“ (1938) – im Stile eines Bach-Concerto grosso
• Symphony in Three Movements (1945)
• The Rake’s Progress (1951) – Oper im Stil Mozarts
Neoklassische Musik erkennt man an folgenden Merkmalen:
• Klare Formen: Sonatenform, Concerto grosso, Suite, Fuge, Toccata werden wieder verwendet
• Tonale Bezugnahme: Anders als die Atonalität bleibt eine Tonart hörbar, auch wenn sie durch starke Dissonanzen verfremdet wird
• Sachliche, „kühle“ Ausdrucksweise: Vermeidung romantischer Pathosformeln
• Kontrapunkt: Polyphone Verfahren werden bevorzugt (Kanons, Fugen, Imitationen)
• Bevorzugung von Bläsern: Statt schwellenden Streicherklangs lieber präzise Bläserklangfarben
• Bitonale oder polytonale Schichten: Mehrere Tonarten gleichzeitig übereinander
Paul Hindemith (1895–1963) war der bedeutendste deutsche Vertreter des Neoklassizismus. Er prägte das Schlagwort „Gebrauchsmusik“: Musik, die nicht im Konzertsaal, sondern im Alltag von Laien gespielt werden kann. Damit setzte er sich bewusst gegen den romantischen Genie-Kult ab.
Wichtige Werke:
• Kammermusik op. 24 Nr. 1 (1922) – mit Tanzmusik-Elementen
• Mathis der Maler (1934) – Sinfonie und Oper, beide über den Renaissance-Maler Matthias Grünewald
• Ludus tonalis (1942) – Klavierzyklus aus 12 Fugen und Interludien, in der Tradition von Bachs „Wohltemperiertem Klavier“
• Symphonische Metamorphosen nach Themen von Carl Maria von Weber (1943)
Hindemith entwickelte auch ein eigenes Harmonik-Lehrbuch, in dem er die Akkorde nach ihrer Spannung klassifizierte. Im Nationalsozialismus wurde seine Musik als „entartet“ diffamiert; er emigrierte 1938 in die Schweiz und später in die USA.
Auch Sergej Prokofiew (1891–1953) wurde dem Neoklassizismus zugerechnet, vor allem mit seiner ersten Sinfonie:
• Sinfonie Nr. 1 „Klassische Sinfonie“ D-Dur op. 25 (1917): Eine Sinfonie, die Prokofiew „im Stil Haydns“ komponieren wollte, wäre Haydn ein Zeitgenosse von Prokofiew gewesen. Klare Sonatenform, sparsames Orchester, witziger Umgang mit klassischen Wendungen.
• Romeo und Julia (1935) – Ballett
• Peter und der Wolf (1936) – Sinfonisches Märchen für Kinder
• Francis Poulenc (Frankreich): Mitglied der „Groupe des Six“, schrieb klare, gefällige Musik im Geist Mozarts und Bachs
• Darius Milhaud (Frankreich): Bitonalität, Verbindung mit Jazz
• Erik Satie (Frankreich): Vorläufer und Inspirator, mit knappen, anti-romantischen Stücken
• Carl Orff (Deutschland): „Carmina Burana“ (1937) – archaische Klangsprache mit klaren Strukturen
Der Neoklassizismus ist die direkte Anknuüpfung an die Wiener Klassik und das Barock. Strawinsky komponiert Sinfonien im Stil Haydns, Hindemith Fugenzyklen im Stil Bachs. Doch die Anlehnung ist nie bloße Stilkopie: Die alten Formen werden durch neue Harmonik, neue Rhythmen und neue Klangfarben verfremdet.
Diese Doppelheit (Tradition + Moderne) macht den Neoklassizismus interessant für das Abitur: Er zeigt, dass Komponisten nicht nur nach vorne, sondern auch rückwärts blicken können. Im hessischen Abiturerlass spielt er eine wichtige Rolle als Gegenbild zur Wiener Schule.
Zusammenfassung:
• Neoklassizismus ca. 1920–1950, Rückkehr zu Bach und Wiener Klassik
• Strawinsky „Pulcinella“ (1920) als Geburtsstunde
• Klare Formen, sachliche Tonsprache, Bläserbevorzugung, Kontrapunkt
• Hindemith „Ludus tonalis“ (1942) und „Mathis der Maler“ (1934)
• Prokofiew „Klassische Sinfonie“ op. 25 (1917)
• Schlagwort: „Zurück zu Bach!“
Abitur-Tipp: Der Neoklassizismus ist die ideale Brücke zwischen Wiener Klassik und Moderne. Wenn du über Strawinsky schreibst, betone immer die drei Phasen seines Schaffens und nenne „Pulcinella“ als Wendepunkt. Bei Hindemith verweise auf die Idee der „Gebrauchsmusik“. So zeigst du, dass du Stilrichtungen und ihre ästhetischen Programme verstehst.