Die Minimal Music entstand in den 1960er-Jahren in den USA, vor allem in New York und Kalifornien. Sie ist eine radikale Gegenbewegung zur seriellen Musik der Nachkriegszeit (Boulez, Stockhausen) und zur europäischen Avantgarde insgesamt. Während die serielle Musik komplex, intellektuell und schwer zugänglich war, kehrt die Minimal Music zurück zu Einfachheit, Wiederholung und gleichbleibender Tonalität.
Charakteristisch ist die obsessive Wiederholung kleinster musikalischer Bausteine. Eine kurze Figur wird hundertmal wiederholt, verändert sich dabei aber kaum oder nur in winzigsten Schritten. Der Hörer wird in einen meditativen Zustand versetzt, in dem die Musik fast wie eine Klanginstallation wirkt.
Die Wurzeln der Minimal Music liegen in der asiatischen Musik (vor allem indische Raga und westafrikanische Trommelmusik), in der Pop- und Rockmusik (gleichbleibende Beats), in der experimentellen Musik John Cages und in der bildenden Kunst der Minimal Art (Donald Judd, Sol LeWitt).
La Monte Young (geboren 1935) gilt als Begründer der Minimal Music. Schon in den frühen 1960er Jahren komponierte er Stücke, die nur aus wenigen lange ausgehaltenen Tönen bestanden – sogenannten Drones. Sein Werk „The Well-Tuned Piano“ (begonnen 1964) kann mehrere Stunden dauern und besteht aus immer gleichbleibenden, sich langsam wandelnden Klangfeldern.
Terry Riley (geboren 1935) komponierte 1964 das berühmte Werk „In C“. Es besteht aus 53 kurzen melodischen Fragmenten in C-Dur, die von einer beliebigen Anzahl von Musikern in einem festgelegten Tempo durchlaufen werden – aber jeder Musiker entscheidet selbst, wann er zur nächsten Figur weitergeht. So entsteht ein vielschichtiges Klangbild, das jedes Mal anders klingt. „In C“ gilt als das erste „klassische“ Werk der Minimal Music.
Steve Reich (geboren 1936 in New York) ist der vielleicht bedeutendste Vertreter der Minimal Music. Seine frühen Werke arbeiten mit einer Technik, die er Phasing nennt: Zwei identische Tonbandschleifen oder zwei Musiker spielen dasselbe Material ab. Eine Stimme bleibt im Tempo, die andere wird minimal beschleunigt – so verschieben sie sich gegeneinander und erzeugen ständig neue Muster.
Wichtige Werke:
• It’s Gonna Rain (1965) – erstes Phasing-Stück mit Tonband
• Piano Phase (1967) – Phasing für zwei Klaviere
• Drumming (1971) – nach Studienreise nach Ghana
• Music for 18 Musicians (1976) – sein bekanntestes Werk
• Different Trains (1988) – mit Tonbandstimmen, Pulitzer-Preis
Steve Reichs „Music for 18 Musicians“ (1976) ist eines der erfolgreichsten und meistaufgeführten Werke der zeitgenössischen Musik. Besetzung: 18 Musiker mit Klavieren, Vibraphonen, Marimbas, Klarinetten, Geigen, Cellos und vier Frauenstimmen. Die Klangwelt ist warm, schimmernd, fast popähnlich.
Das Werk beruht auf einem Zyklus von 11 Akkorden, die im „Pulse“-Abschnitt vorgestellt und dann in 11 Sektionen je einzeln entwickelt werden. Es dauert etwa eine Stunde. Trotz seiner inneren Komplexität bleibt der Klang stets harmonisch konsonant; die Wirkung ist hypnotisch und meditativ.
Philip Glass (geboren 1937) ist neben Reich der bekannteste Minimalist. Sein Stil ist hörbar repetitiv und auf Arpeggio-Figuren in gleichbleibender Achtel- oder Sechzehntelbewegung aufgebaut. Glass arbeitet oft mit drei oder vier Akkorden, die sich in immer neuen Kombinationen wiederholen.
Wichtige Werke:
• Music in Twelve Parts (1971–1974)
• Einstein on the Beach (1976) – seine erste große Oper, in Zusammenarbeit mit dem Regisseur Robert Wilson; eine 5-stündige Oper ohne klassische Handlung
• Akhnaten (1984) – Oper über den ägyptischen Pharao
• Glassworks (1981) – Album mit kurzen, eingängigen Stücken
• Filmmusiken zu „Koyaanisqatsi“, „The Hours“, „Notes on a Scandal“
Die wichtigsten Techniken im Überblick:
• Repetition: Wiederholung kleiner Patterns über lange Zeiträume
• Phasing: Zwei Stimmen verschieben sich rhythmisch gegeneinander (Reich)
• Additionsverfahren: Eine Figur wird in jedem Durchgang um einen Ton erweitert
• Subtraktionsverfahren: Eine Figur wird sukzessive verkürzt
• Drone: Lange ausgehaltener Liegeton als Klangfundament (La Monte Young)
• Modulare Form: Festgelegte Bausteine, deren Reihenfolge und Wiederholungszahl variabel ist (Riley „In C“)
Aus der Minimal Music entwickelte sich seit den 1980er Jahren der Postminimalismus. Komponisten wie John Adams (geboren 1947) verbinden die repetitiven Techniken mit einer reichen spätromantischen Harmonik und grösserer melodischer Vielfalt. Bekannte Werke von Adams:
• Short Ride in a Fast Machine (1986)
• Nixon in China (1987) – Oper über den Chinabesuch des US-Präsidenten
• On the Transmigration of Souls (2002) – Pulitzer-Preis
Die Minimal Music hat auch die Popmusik beeinflusst (Brian Eno, Mike Oldfield) und ist heute eine der weltweit erfolgreichsten Strömungen der zeitgenössischen Klassik.
Die Minimal Music steht in scheinbar grösstem Gegensatz zur Wiener Klassik: Statt motivisch-thematischer Arbeit gibt es Wiederholung; statt dialektischer Spannung gibt es Statik; statt Dramatik gibt es Meditation. Doch beide arbeiten mit kleinsten Bausteinen und bauen aus ihnen große Strukturen – die Minimal Music ist sozusagen die motivisch-thematische Arbeit auf die Spitze getrieben, ohne Variation oder Verarbeitung.
Im hessischen Abiturerlass ist die Minimal Music wichtig für das Verständnis der Musik nach 1945.
Zusammenfassung:
• Minimal Music entstand in den 1960er Jahren in den USA
• Hauptvertreter: La Monte Young, Terry Riley, Steve Reich, Philip Glass
• Riley „In C“ (1964) als erstes klassisches Werk
• Reich „Music for 18 Musicians“ (1976) als Hauptwerk
• Glass „Einstein on the Beach“ (1976) als minimalistische Oper
• Techniken: Repetition, Phasing, Drone, Additionsverfahren
Abitur-Tipp: Bei Aufgaben zur Minimal Music kannst du den Kontrast zur seriellen Musik betonen: Statt höchster Komplexität (Boulez) maximale Reduktion. Erkläre das Phasing-Prinzip an Reichs „Piano Phase“. Ein gutes Stichwort ist auch der Vergleich mit der bildenden Kunst (Minimal Art).